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Chinua Achebe ist tot

Der Friedenspreisträger von 2002 verstarb im Alter von 82 Jahren.


Chinua Achebe
© Holger Ehling

Bücher können meist problemlos Grenzen überschreiten, Schriftsteller hingegen haben es mitunter schwerer. So hätte Chinua Achebe beinahe nicht zur Friedenspreisverleihung kommen können. Als er vierzehn Tage vor der Verleihung mit Marlott Linka Fenner telefonierte, die damals – 2002 – für die Organisation des Friedenspreises zuständig gewesen ist, fragte er beiläufig, ob sie sich denn schon um ein Visum für ihn gekümmert hätte. "Afrikaner haben es nicht leicht, frei zu reisen", sagte er der verdutzten Organisatorin, die versprach, sich sofort darum zu kümmern.

Das Auswärtige Amt aber winkte auf ihre Nachfrage ab, es sei zu kurzfristig, um ein Visum auszustellen. Über den DAAD erhielt Frau Fenner schließlich den Namen des für Visa zuständigen Beamten im deutschen Generalkonsulat in New York. Sie stellte einige Papiere über den Börsenverein und den Friedenspreis zusammen und faxte diese dem Beamten zu. Als ihr Faxgerät eine Fehlermeldung anzeigte, wiederholte sie das Senden, faxte es zur Sicherheit noch an andere Geräte des Konsulats, um schließlich nach unzähligen Wiederholungen den Beamten anzurufen, der, schon als sie ihren Namen nannte, sie unterbrach. Sie brauche nichts weiter zu sagen, jeder im Konsulat kenne nun mittlerweile den Börsenverein, den Friedenspreis und Chinua Achebe: "Wir haben Berge von Faxpapier verbraucht", sagte er entnervt, das Fax sei durchgegangen, und nicht nur einmal, sondern jedes Mal. Sie möge doch bitte damit aufhören, Herr Achebe wird selbstverständlich sein Visum erhalten.

Geboren wurde Chinua Achebe am 15. November 1930 in Ogidi im Osten Nigerias als Sohn eines Katechisten und Lehrers der Church Missionary Society. Nach dem Studium der Anglistik, Geschichte und Theologie am University College in Ibadan arbeitete er beim Rundfunk Nigerias, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes "Voice of Nigeria" ernannt wurde. 1958 erschien mit "Things Fall Apart" ("Okonkwo oder Das Alte stürzt", im vergangenen Jahr ist eine Neuübersetzung mit dem Titel "Alles zerfällt" im S. Fischer Verlag erschienen) der erste Roman Achebes, der seinen Weltruhm begründete und in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurde. In diesem und in den folgenden Romanen beschäftigte sich Achebe vor allem mit den Konflikten, in die das traditionelle Afrika durch den Kontakt zur modernen Welt gerät. Dabei gelang es ihm, die mündliche Überlieferung als Teil der Erzählstruktur beizubehalten und so einen neuen literarischen Stil zu schaffen.

1966 legte er nach den Massakern an den Igbo sein Amt beim Rundfunk nieder. Als Sonderbotschafter Biafras in Europa und den USA warb er während des Biafra-Krieges (1967–70), der über einer Million Menschen das Leben kostete, um Unterstützung für den Freiheitskampf. Nach dem Krieg lehrte er an der nigerianischen Universität Nsukka und ab Mitte der 70er Jahre in den USA. 1971 gründete er die Literaturzeitschrift Okike, eine Plattform besonders für jüngere Autorinnen und Autoren und kritische Reflexion über die gesellschaftliche Rolle von Literatur. Nach einem schweren Autounfall im Jahr 1990 war der Schriftsteller querschnittsgelähmt und auf die Hilfe eines Rollstuhls angewiesen. Er zog wegen der besseren ärztlichen Versorgung nun ganz in die USA.

2002 erhielt Chinua Achebe den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wegen seines Rollstuhls mussten zwei Stühle aus der ersten Reihe ausgebaut werden. Die Schrauben, die seit dreißig Jahren nicht angerührt wurden, konnten nur durch Spezialwerkzeug gelöst werden. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth lud ihn ins Frankfurter Goethehaus ein, damit er eins seiner größten Vorbilder besser kennenlernen könne. Sie kamen aber über das Erdgeschoss nicht hinaus, für Rollstuhlfahrer war damals nicht mehr zugänglich. "In Amerika", so der Sohn von Achebe, der ihn begleitete, "könnten wir jetzt klagen." In der Pressekonferenz vor der Friedenspreisverleihung äußerte er sich zur Außenpolitik der US-Regierung, die damals dem Irak mit Krieg drohte, der ein Jahr später folgen sollte: "Es gibt andere Kriege in dieser Welt, die geführt werden müssen: der Krieg gegen Aids, der Krieg gegen die Armut – oder der Krieg gegen den Analphabetismus." Sein Preisgeld hat er deswegen für die Übersetzung von Literatur in seine Muttersprache zur Verfügung gestellt.

Immer wieder nutzte Achebe die Gelegenheit, sich in die politische Diskussion einzubringen. Er kritisierte die Korruption in Nigeria, ging auf die Rivalität zwischen den verschiedenen Volksgruppen ein, verwies aber auch stets auf die hundertjährige Entmündigung, die das Land in der Kolonialzeit erfahren habe. Sein kompliziertes Verhältnis zu seinem Heimatland zeigte sich auch bei der Ablehnung der nigerianischen Auszeichnung "Commander of the Order of the Federal Republic" im Jahr 2011. Bereits 2004, als Achebe den Preis zum ersten Mal ablehnte, führte er hierfür die Probleme, die in Nigeria herrschten, als Begründung an. Achebe bezeichnete den erneuten Versuch als unangemessen, da die Gewalt in Nigeria von der Regierung nicht ausreichend beachtet werde. Auch seine schwere Krankheit hielt ihn bis kurz vor seinem Tode nicht davon ab, politisch aktiv zu sein. In einem offenen Brief mit der Überschrift "Let not this fire spread: An appeal to the Nigerian national community" forderte er vergangenes Jahr gemeinsam mit Wole Soyinka und John Pepper Clark-Bekederemo ein Ende der religiösen Gewalt in ihrem Land. Der Hass zwischen Muslimen und Christen drohe zu einem Flächenbrand zu werden, warnten die Autoren und appellierten an Politiker und ethnische und religiöse Gemeinschaften, sich gegen eine Eskalation der Gewalt zu stellen.

In der Nacht zum Freitag, den 22. März, ist Chinua Achebe nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Boston verstorben. In den Nachrufen wird er als "Vater der modernen afrikanischen  Literatur" (Augsburger Allgemeine), als "Nelson Mandela der Literatur" (Die Zeit) oder "Chronist der Tragödie Afrikas" (Die Welt) bezeichnet, Außenminister Westerwelle würdigte ihn als einen der ganz Großen der Weltliteratur, der mit seinen berühmten Romanen „die historischen Umbrüche Afrikas Lesern in der ganzen Welt eindringlich nahe gebracht“ habe. Was ihn selbst wohl am meisten gefreut hätte, ist, dass selbst im Norden Nigerias, wo das dort ansässige islamische Hausa-Volk ein schlechtes Verhältnis zu ihren christlichen Nachbarn – den Igbo – im Süden hat, er nun gewürdigt wird: "Littafinsa mai taken ‚Things Fall Apart‘ ne ya fi samun karbuwa a Afirka da duniya." – "Seine Bücher wie ‚Things Fall Apart‘ sind es gewesen, die das Wissen über Afrika in der Welt vergrößert haben."

Sprichwörter, so schrieb Chinua Achebe einmal, sind wie Salz, durch sie können die Wörter gegessen, also verstanden, werden. Ich verabschiede mich von dem großen afrikanischen Schriftsteller und Friedenspreisträger mit einem Sprichwort aus der Sprache seines Volkes: "Ura ga-eju onye nwuru anwu afo." – "Ein toter Mensch hat all seinen Schlaf notwendig."

Martin Schult