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Hamas verurteilt Teilnahme von Boualem Sansal auf Jerusalemer Literaturfestival

Die Anwesenheit des Friedenspreisträgers von 2011 sei als ein „Verbrechen gegen die algerischen Freiheitskämpfer“ zu werten.


Boualem Sansal
© C. Hélie Gallimard

Israelische Zeitschriften und französischsprachige Internetseiten berichten, dass ein für Kultur zuständiger Vertreter der Hamas-Regierung im Gaza-Streifen die Teilnahme von Boualem Sansal am Literaturfestival von Jerusalem scharf verurteilt. In einer Pressemitteilung wird die Anwesenheit des algerischen Schriftstellers als ein „Verbrechen gegen die anderthalb Millionen algerischen Märtyrer, die ihr Leben im Kampf für die Freiheit Algeriens während der Okkupation Frankreichs geopfert haben“, bezeichnet.

Darüber hinaus sei der Besuch nach Ansicht der Hamas ebenfalls als ein Verbrechen gegen das palästinensische Volk zu werten, „das mit Blut, Verletzungen und Leiden den Preis für ihre Märtyrer zu zahlen“ habe. Der Autor mache sich an der Legitimierung dieser Verbrechen mitschuldig, da es hierbei um „ein offensichtliches Einverständnis mit den Verbrechen der Besatzung an dem palästinensischen Volk“ handele, zitiert Antoine Chatrier von JSS-News vom 28. April 2012 aus der Pressemitteilung. Eine Teilnahme von arabischen Schriftstellern an dem Literaturfestival, das vom 12.-17. Mai 2012 stattfindet, sei laut Hamas unter allen Umständen zu verhindern. Sie fordert die algerische Regierung auf, die Teilnahme von Boualem Sansal zu verurteilen und zu verhindern. Zudem ruft die Hamas die Arabische Welt zu einem Boykott des Schriftstellers auf, sollte er tatsächlich kommen.

Boualem Sansal, der dem Islam und besonders den fundamentalistischen Richtungen kritisch gegenübersteht, hat in seiner Friedenspreisrede die Hoffnung ausgedrückt, dass die Rebellionen in der arabischen Welt auch Auswirkungen auf den ältesten Konflikt der Welt haben wird, und den Antrag auf Anerkennung eines unabhängigen und souveränen palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967, den Präsident Mahmud Abbas der UNO vorgelegt hat, ausdrücklich gelobt. „Ich bin der Meinung, dass dieser kleine Schlag, selbst wenn er daneben ging, sich noch als großer Schlag erweisen wird, so entscheidend wie die Selbstverbrennung des jungen Tunesiers Bouazizi, die die arabische Welt entflammte. […] Zum ersten Mal haben Palästinenser wie Palästinenser im Dienste Palästinas agiert und nicht als Instrument im Dienste einer mythischen arabischen Nation oder einer leider sehr reellen dschihadistischen Internationale. Einen Frieden können nur freie Menschen schließen; Abbas ist als freier Mensch gekommen, und er wird das vielleicht wie Sadat mit dem Leben bezahlen, denn es fehlt in der Region nicht an Feinden des Friedens und der Freiheit, die sich nun in die Enge gedrängt sehen." Zugleich betonte Sansal in der Paulskirche die Freiheit des Staates Israel, „es ist eine schöne, eine große, eine erstaunliche Demokratie, und mehr als jedes andere Land braucht es Frieden; der ständige Kriegs- und Alarmzustand, in dem es seit sechzig Jahren lebt, ist nicht mehr tragbar.“

Auf den französischsprachigen Internetseiten, die das Thema behandeln, kommentieren die Leser den Aufruf der Hamas äußerst kritisch und sagen Boualem Sansal ihre Unterstützung zu, gerade auch angesichts seines Eintretens für die algerische Region der Kabylei, die starken Repressionen seitens der Regierung ausgesetzt ist. In einer Solidaritätsnote (auf primo-info.eu vom 30.4.2012) spricht der algerische Filmemacher Jean-Pierre Lledo von einer großen Chance, die in dieser ersten offiziellen Einladung, die Israel an einen algerischen Intellektuellen ausgesprochen hat, liegt. „Seine Teilnahme an der Messe ist mehr als eine mutige Handlung. […] Und jenen, die es stets abstreiten, möchte ich noch einmal entgegnen, dass es nur ein einziges Land im Mittleren Osten gibt, in dem sich die Moslems nicht gegenseitig umbringen und wo die Meinungsfreiheit nicht beschränkt ist, und das ist Israel.“