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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2011 an Boualem Sansal

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ist am 16. Oktober 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Laudatio hielt der Schweizer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Peter von Matt. Die Verleihung wurde live im ZDF übertragen und ist im Internet unter www.zdf.de anzusehen.


Boualem Sansal
© C. Hélie Gallimard

In seiner Dankesrede sagte Boualem Sansal, der Friedenspreis habe ihn verändert: „Ich diente unbewusst dem Frieden, nun werde ich ihm bewusst dienen, und das wird neue Fähigkeiten in mir wecken.“ Er hoffe, dass all das, was Schriftsteller und andere Kulturschaffende getan hätten, wenigstens einen winzig kleinen Beitrag zum Aufkommen des Arabischen Frühlings geleistet hätte: „Was derzeit geschieht, ist meines Erachtens nicht nur eine Jagd auf alte bornierte und harthörige Diktatoren, und es beschränkt sich nicht auf die arabischen Länder, sondern es kommt eine weltweite Veränderung auf, eine kopernikanische Revolution: Die Menschen wollen eine echte universelle Demokratie, ohne Grenzen und ohne Tabus. Alles, was das Leben ramponiert, verarmen lässt, beschränkt und denaturiert, ist dem Gewissen der Welt unerträglich geworden und wird mit aller Macht abgelehnt. Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den erstickenden Zugriff der Religion ab, sie lehnen den anmaßenden und feigen Zynismus der Realpolitik ab, sie verweigern sich dem Schicksal, auch wenn jenes das letzte Wort haben mag, sie lehnen sich gegen alle Arten von Verschmutzern auf; überall empören sich die Leute und widersetzen sich dem, was dem Menschen und seinem Planeten schadet.“  

Man müsse sich von dem Gedanken lösen, dass sich ein Friede aushandeln lasse, betonte Sansal im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt: „Aushandeln lassen sich Modalitäten, Formen, Etappen, aber der Frieden selbst ist ein Prinzip; er muss öffentlich verkündet werden, auf feierliche Weise. Man muss sagen: Friede, Schalom, Salam, und sich dann die Hand reichen.“  

Peter von Matt bezeichnete Boualem Sansal in seiner Laudatio als einen Autor, der auf die langsame Gewalt der Literatur vertraue. „Nur wo sich Wahrheit in der offenen Debatte bilden und umgestalten kann als die gemeinsame Schöpfung freier Geister, kann es auch Frieden geben. Der Krieg beginnt bei der befohlenen Wahrheit, lange vor dem ersten Schuss. In seinem respektlosen Widerstand gegen die Doktrinen, seinen unverblümten Gegenreden, seinem Zorn, seinem Spott und seiner Trauer treibt Boualem Sansal die offene Debatte der freien Geister voran. Wer den Frieden liebt, sollte ihm dankbar sein.“

Boualem Sansal setze auf den notwendigen Dialog zwischen Europa und Algerien, betonte Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung: „Nichts anderes ist sein Ziel als eine Demokratie, die wirklich auch eine solche ist, weil in ihr die Menschen frei sind, ihr gemäß der gewachsenen Vielfalt und Verschiedenheit selbst gewähltes Leben zu leben. Gegen die in seinem Land allgegenwärtige terroristische Bedrohung setzt er die Forderung nach einem Dialog der Sprachen und Kulturen, einen Dialog auch zwischen Algerien und Europa.“ Für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sei es eine Ehre, der überaus mutigen und literarisch so eindrucksvollen Mahnung Boualem Sansals für die Freiheit und den Frieden der Sprachen, Kulturen und Religionen auch im deutschen Sprachraum ein Echo zu verschaffen.