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"Das Paradox des Schriftstellers" von Ahmet Altan

Am 12. Oktober 2017 war Can Dündar zu Gast bei "Zwischen Zeilen – Eine Stunde Schönheit". Der türkische Exiljournalist und Autor hatte sich zuvor den Essay „Das Paradox des Schriftstellers“ des türkischen Autors Ahmet Altan ausgesucht, um ihn dem Publikum in der Frankfurter Katharinenkirche vorzulesen. Bevor er anfing, den Text zu lesen, sagte er einige Worte über Ahmet Altan.


Can Dündar und Recai Hallac
Can Dündar und Recai Hallac lesen in der Katharinenkirche.
© Julia Strack

Ahmet und sein Bruder Mehmet gehörten beide zu den bekanntesten Intellektuellen der Türkei. Wie ihr Vater vor ihnen, der zu seiner Zeit der vielleicht bekannteste türkische Schriftsteller gewesen sei, befänden sich die Gebrüder Altan jedoch nun im Gefängnis. Sie sollen die Gülen-Bewegung, die vonseiten der türkischen Regierung für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich gemacht wird, unterstützt haben. Einer der Vorwürfe, der ihnen gemacht werde, lautet, dass sie in einer Fernsehsendung vor dem Putschversuch „sublime Botschaften“ an zukünftige Putschisten geschickt haben sollen.

Ahmet Altan befindet sich derzeit im Hochsicherheitsgefängnis Silivri, in dem zuvor auch Can Dündar einsaß. Während seiner Haft fand Dündar einige seiner eigenen Bücher in der Gefängnisbibliothek. Als ein Insasse von Ahmet Altan bei einem Gefängniswärter nach einem von Altans Büchern gefragt habe, soll der Wärter jedoch geantwortet haben: „Das Buch haben wir nicht hier, aber dafür den Schriftsteller.“

Die türkische Staatsanwaltschaft fordert ein Strafmaß von drei Mal lebenslänglicher Haft für Ahmet Altan. Sie forderten also, dass Altan zwei Mal sterben und wieder geboren werden müsse, bevor er aus dem Gefängnis entlassen werden dürfe. In Dündars eigenem Fall habe die Staatsanwaltschaft nur zwei Mal lebenslänglich gefordert. Ahmet Altan sei in den Augen der türkischen Justiz wohl der gefährlichere Verbrecher.

 

 

Das Paradox des Schriftstellers

von Ahmet Altan

‚Ein Objekt in Bewegung ist weder da, wo es ist, noch da, wo es nicht ist.‘ So postuliert Zenon in seinem berühmten Paradoxon. Seit meiner Jugend glaube ich jedoch, dass diese Paradoxie besser zur Literatur oder gar zum Schriftsteller passt als zur Physik.

Ich schreibe diese Worte aus einer Gefängniszelle.

Füge den Satz ‚Ich schreibe diese Worte aus einer Gefängniszelle‘ zu einer beliebigen Erzählung hinzu, so erhält diese eine spannungsgeladene Lebendigkeit, eine angst-verbreitende Stimme, die aus einer dunklen und mysteriösen Welt nach draußen greift, die tapfere Haltung des standhaften Underdogs und wird zu einem schlecht getarntem Ruf nach Gnade.

Dieser Satz ist gefährlich. Er kann dazu eingesetzt werden, um die Gefühle von Menschen auszubeuten. Und Schriftsteller scheuen sich nicht immer davor, Sätze in ihrem Interesse zu verwenden, wenn es darum geht, Menschen zu berühren.

Aber warte. Bevor Du anfängst, das Schlagzeug des Erbarmens für mich zu spielen, hör Dir an, was ich zu sagen habe.

Ja, ich befinde mich in einem Hochsicherheitsgefängnis mitten in der Wildnis.

Ja, ich sitze in einer Zelle, deren Tür mit dem Rasseln und Klappern von Eisen geöffnet und geschlossen wird.

Ja, sie geben mir das Essen durch ein Loch in der Mitte der Tür.

Ja, selbst der kleine, steinerne Innenhof, in dem ich auf und ab laufe, ist von einem stählernen Käfig überdeckt.

Ja, ich darf niemanden außer meiner Anwälte und Kinder sehen.

Ja, es ist mir verboten, auch nur zwei Zeilen an meine Geliebten zu schicken.

Ja, jedes Mal, wenn ich zum Krankenhaus fahren muss, ziehen sie die Handschellen aus einem eisernen Bündel und legen sie um meine Handgelenke.

Ja, jedes Mal, wenn sie mich aus meiner Zelle herausholen, schlagen mir Befehle wie ‚Hände hoch! Schuhe aus!‘ ins Gesicht.

Dies alles ist wahr und doch nicht die ganze Wahrheit.

An Sommermorgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen durch die nackten Fenstergitter kommen und in mein Kissen stechen wie glänzende Speere, höre ich die verspielten Lieder der Wandervögel, die sich unter dem Dachvorsprung des Innenhofs eingenistet haben, und das merkwürdige Geprassel, das entsteht, wenn die Gefangenen beim Lauf über die anderen Innenhöfe leere Wasserflaschen unter ihren Füßen zerquetschen.

Ich lebe mit dem Gefühl, dass ich noch immer in dem Pavillon im Garten wohne, in dem ich meine Kindheit verbracht habe oder, und ich weiß wirklich nicht wieso, in einem der Hotels in den quicklebendigen französischen Straßen des Films Irma la Douce.

Wenn ich mit dem Herbstregen aufwache, der mit dem Zorn der Nordwinde gegen die Fenstergitter schlägt, beginne ich den Tag am Ufer der Donau, in einem Hotel, an dessen Eingang lodernde Fackeln stehen, die jede Nacht angezündet werden. Wenn ich mit dem Flüstern des Schnees aufwache, der sich zwischen den Fenstergittern anhäuft, beginne ich den Tag in der Datscha mit dem Fenster nach vorne hin, in der Doktor Schiwago Zuflucht gefunden hat.

Bis jetzt bin ich nie im Gefängnis aufgewacht – nicht einmal.

Nachts sind meine Abenteuer noch spannender. Ich ziehe über die Inseln Thailands, durch Londoner Hotels, durch die Straßen von Amsterdam , die geheimen Labyrinthe von Paris, die Restaurants am Meer in Istanbul, die kleinen Parks, versteckt zwischen den Straßen von New York, die norwegischen Fjorde, die kleinen Städte Alaskas, deren Straßen unter der Schneedecke verschwinden.

Du kannst mir an den Flüssen des Amazonas begegnen, an den Küsten Mexikos, in den Savannen Afrikas. Ich rede den ganzen Tag mit Leuten, die keiner sieht oder hört, Leute, die nicht existieren und nicht existieren werden, bis zu dem Tag, an dem ich sie erwähne. Ich höre dabei zu, wie sie sich unterhalten. Ich erlebe ihre Lieben, ihre Abenteuer, ihre Hoffnungen, Sorgen und Freuden. Manchmal kichere ich, wenn ich über den Hof laufe, weil ich eine witzige Konversation überhöre. Da ich sie nicht auf dem Papier ins Gefängnis bringen möchte, schreibe ich das alles mit der dunklen Tinte der Erinnerung in die Ritzen meines Geistes.

Ich weiß, dass ich so lange ein Schizophrener sein werde, wie diese Leute in meinem Kopf bleiben. Ich weiß auch, dass ich ein Schriftsteller sein werde, sobald diese Leute sich in den Sätzen eines Buches wiederfinden. Ich finde Gefallen daran, zwischen der Schizophrenie und der Autorenschaft hin und her zu pendeln. Wie Rauch steige ich auf und verlasse das Gefängnis gemeinsam mit den Leuten, die in meinem Kopf existieren.

Ich bin ein Schriftsteller.

Ich bin weder da, wo ich bin, noch da, wo ich nicht bin.

Wo auch immer du mich einsperrst, ich werde auf den Flügeln meines endlosen Geistes um die Welt reisen.

Außerdem habe ich überall auf der Welt Freunde, die mir beim Reisen helfen. Die meisten davon habe ich noch nie getroffen.

Jedes Auge, das liest, was ich geschrieben habe, jede Stimme, die meinen Namen wiederholt, hält meine Hand wie eine kleine Wolke und fliegt mit mir über flache Landschaften, vorbei an Quellen, Wäldern, Meeren, Städten und ihre Straßen. Sie beherbergen mich in ihren Häusern, in ihren Sälen, in ihren Zimmern.

Ich bereise die ganze Welt in einer Gefängniszelle.

Wie du mittlerweile vielleicht schon ahnst, besitze ich eine göttliche Arroganz – eine Arroganz, die nicht häufig erwähnt wird, aber ein Alleinstellungsmerkmal von Schriftstellern ist, welches von Generation zu Generation über Tausende von Jahren weitergegeben wurde.

Ich schreibe das in einer Gefängniszelle.

Aber ich bin nicht im Gefängnis.

Ich bin ein Schriftsteller.

Ich bin weder, wo ich bin, noch, wo ich nicht bin.

Du kannst mich ins Gefängnis werfen, aber du kannst mich nicht gefangen halten.

Weil ich, wie alle Schriftsteller, magische Kräfte habe. Ich kann ganz leicht durch Wände gehen.

Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan und sein Bruder Mehmet wurden im September 2016 verhaftet. Obwohl ihm der Zugang zu Kommunikationsmitteln untersagt wurde, schrieb er „Das Paradox des Schriftstellers“ im Gefängnis. Der Text wurde am 18. September 2017, am Abend vor dem Beginn seines Prozesses, veröffentlicht.

http://www.societyofauthors.org/News/Blogs/Ahmet-Altan/September-2017/The-Writer-s-Paradox