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Der humanistische Seismograph

Er warnt vor einem kommenden "Zeitalter der Angst" - und so manches frühere Zitat von ihm klingt heute geradezu prophetisch: Zum 90. Geburtstag von Friedenspreisträger Fritz Stern ein Glückwunsch von Martin Schult für "boersenblatt.net".


Fritz Stern
© Christian Thiel

Mit diesen Worten hat Fritz Stern in seiner Friedenspreisrede die politische Situation im Deutschland des Jahres 1999 eingeschätzt. So hat er sowohl – ein Jahr nach der Friedenspreisverleihung an Martin Walser – eine gewisse Müdigkeit in Bezug auf die Vergangenheitsbewältigung beobachtet, als auch das Fehlen eines gleichberechtigten, innergesellschaftlichen Dialogs, der, neun Jahre nach der Wiedervereinigung, noch immer nicht in Gang gekommen sei. Aus heutiger Sicht klingt das Zitat, aus seinem Zusammenhang gerissen, beängstigend prophetisch.

Fritz Stern, geboren am 2. Februar 1926 im niederschlesischen Breslau, dem heutigen Wrocław (Polen), hat – so auch der Titel seiner Erinnerungen aus dem Jahr 2007 – fünf verschiedene Deutschlands erlebt: die Weimarer Republik und das Dritte Reich seiner Kindheit und Jugend, bevor die Familie 1938 in die USA emigrierte, die gleichzeitige Existenz der beiden Republiken in Ost und West, denen er mit seinen Erkenntnissen aus der Geschichtsforschung vor allem wissenschaftlich-distanziert begegnete, sowie das heutige Deutschland, zu dessen Wiedervereinigung er als Berater von Margaret Thatcher beigetragen hat, auch wenn er selbst behauptet, dass die britische Premierministerin damals vor allem dem Druck aus Washington nachgegeben habe.

Der in den USA lebende und forschende Historiker, der durch seine zahlreichen Reisen und Aufenthalte zu einem wichtigen Zeitzeugen der bewegten Geschichte Europas im 20. Jahrhundert wurde, hat sich zudem zu einem humanistischen Seismographen entwickelt, der mit seinen Essays und veröffentlichten Gesprächen – vor allem mit Helmut Schmidt und Joschka Fischer – sein feines Gespür für die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, Europa, ja sogar in der ganzen Welt offenbart.

Man erkennt das heute an seinen Befürchtungen, wie der Rechtsruck, der überall in Europa zu spüren ist, die momentan weitverbreiteten Ängste für sich ausnutzt. "Es ist ein Schock, mit welcher Schnelligkeit in Polen ein autoritäres System errichtet wird", sagte er kürzlich in einem Interview, in dem er auch davor warnte, dass wir vor einem "Zeitalter der Angst" stehen würden. Solange aber Gegenkräfte zum Rechtsradikalismus vorhanden seien und sich die demokratische politische Kultur weiterentwickelt, könne man dem entgegenwirken.

"Flüchtet Euch von Zeit zu Zeit auf die berühmte einsame Insel"

Doch auch in den USA beobachtet Stern mit großer Besorgnis, wie durch die steigende Bedeutung der Medien für die Gesellschaft und die zugleich geringer werdende Anzahl objektiv berichtender Journalisten eine immer größere Verdummung des Landes zu beobachten sei. Donald Trump sei hierfür das beste Beispiel, ein Phänomen, entstanden aus einer gewissen neuen Religiosität, die mit wirklicher Religion wenig zu tun habe. "Ich glaube, wir stehen vor einem neuen, illiberalen Zeitalter. Und für jemanden, der sein Leben einem gewissen Liberalismus verschrieben hat, ist das eine traurige Kunde. Es ist ein Niedergang."

Wie dem entgegengewirkt werden könnte, darauf hat Fritz Stern, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, in seiner Friedenspreisrede ebenfalls schon eine Antwort gefunden: "Wir hatten ein mehr oder weniger ungebrochenes Verhältnis zu den großen Denkern der Vergangenheit; das mag hochtrabend klingen, es soll nur ins Bewusstsein rufen, dass so viel menschliche Weisheit in den Gedanken der letzten Millennia steckt; ich wünsche der jüngeren Generation den Genuss dessen, was man, trotz allem, das europäische Kulturgut nennen darf. Flüchtet euch also von Zeit zu Zeit auf die berühmte einsame Insel mit einem gut ausgewählten Buch: Es nährt Kopf und Seele wie sonst kaum etwas."