"Geschichten in der Welt"

Margaret Atwoods Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2017 - Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


Margaret Atwood
© Jean Malek

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Gäste, meine deutschen Freunde, Verlagsmenschen, Buchhändler, liebe Leserinnen und Leser: Bitte verzeihen Sie mein Deutsch. Es gibt wenig Hoffnung für eine Nordamerikanerin, die in den Neunzehnhundertundfünfziger Jahren Deutsch im Gymnasium in Toronto, Kanada, gelernt hat. Aber heute ist es eine schöne Gelegenheit, Sie in Ihrer Sprache zu begrüßen.

Es ist mir eine große Ehre und auch eine Freude, hier heute bei Ihnen zu sein und diesen überaus renommierten Preis entgegenzunehmen – den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ich bin mir bewusst, dass ich mich damit in die lange Riege höchst talentierter, versierter und wahrhaft mutiger internationaler Schriftsteller einreihe, die bis in die 1950er Jahre zurückreicht. Es ist mir auch deshalb eine besondere Ehre, weil Buchhändler von Natur aus aufmerksame Leser sind – und damit zu den »lieben Lesern« zählen, für die jeder Schriftsteller schreibt – der »liebe Leser«, der die Flaschenpost mit der Botschaft findet, die man als Schriftstellerin ins Meer der Wörter und Geschichten geworfen hat, und der sie öffnen, die Botschaft lesen und glauben wird, dass sie tatsächlich etwas bedeutet. Für eine Schriftstellerin aus einem Land wie Kanada, das vor Kurzem noch Kolonialland war – ein Land, wo das Schreiben und die Künste im Allgemeinen bis in die letzten Jahrzehnte hinein nicht ernst genommen wurden –, ist es nahezu unbegreiflich, mit dieser hoch angesehenen Auszeichnung geehrt zu werden.

Als dieser Preis 1950 erstmals verliehen wurde – gewiss als Geste der Hoffnung in einer Welt, die soeben noch vom verheerendsten Krieg der Geschichte zerrissen wurde –, war ich selbst erst zehn Jahre alt und wusste nichts über den Buchhandel, und sehr wenig über das Schreiben, auch wenn ich mich bereits darin versucht hatte. Meine schriftstellerischen Ambitionen hatte ich jedoch an den

Nagel gehängt, nachdem ich im Alter von sieben Jahren mit meinem zweiten Roman auf halbem Wege gestrandet war. Buchstäblich gestrandet: Die Heldin war eine Ameise, und sie saß auf einem Floß und ließ sich einem Abenteuer entgegentreiben, das nie konkrete Formen annahm. Romanschriftsteller kennen das: der Anfang lässt sich vielversprechend an. Der Mittelteil dann: frustrierend, vielleicht sogar langweilig. Und erst recht, wenn es sich bei der Heldin um ein Insekt handelt – wobei das ein Problem ist, das Kafka recht gut in den Griff bekam.

Mit zehn Jahren wollte ich Malerin werden, oder besser noch, Modedesignerin. Ich zeichnete gern elegante Damen in ellenbogenlangen Handschuhen mit Zigarettenspitzen. Ich hatte so eine Person noch nie gesehen, aber ich kannte sie von Bildern. So vermag uns die Kunst zu verzaubern.

Doch nach ein paar missglückten Begegnungen mit einem Ölfarben-Set und einigen verwickelten Abenteuern mit einer Nähmaschine – mit anderen Worten, nachdem die Realität die Fantasie eingeholt hatte – beschritt ich mit sechzehn Jahren bereits den Pfad der Naturwissenschaften – genau wie mein älterer Bruder, der Neurophysiologe Dr. Harold Atwood, der heute hier im Publikum sitzt. Es mag eigenartig erscheinen, aber ich hatte vor, Botanikerin zu werden. Pflanzen waren stumm, leicht zu beobachten, und anders als Frösche bluteten sie nicht beim Sezieren, insofern hatte ich ein gutes Gewissen. Wäre das passiert, wäre ich in diesem Moment damit beschäftigt, fluoreszierende Kartoffeln für Sie zu klonen. Doch dann mutierte ich plötzlich zur Schriftstellerin, und ich begann, wild drauflos zu schreiben. Warum das passiert ist, weiß ich nicht, aber es war so, und die Fantasie nahm in meinem Leben erneut den ersten Platz ein.

Als Kanadierin kann ich es mir nicht als persönlichen Verdienst anrechnen, dass ich auf Ihrer Liste der Geehrten auftauche. Kanadier scheuen sich grundsätzlich, sich irgendetwas als persönlichen Verdienst anzurechnen. Wenn es heißt, wir hätten etwas gewonnen, werfen wir erstmal einen Blick hinter uns, um zu sehen, wer tatsächlich gemeint war, da wir es unmöglich selbst sein können. Ebensowenig kann ich den Titel Aktivistin für mich in Anspruch nehmen, als die ich ja oft bezeichnet werde. Ich bin keine echte Aktivistin – eine echte Aktivistin würde ihr Schreiben als Vehikel für ihren Aktivismus sehen – für ihre wichtige Sache, welche auch immer –, und das war bei mir nie der Fall. Es stimmt zwar, dass man keine Romane schreiben kann, ohne die Welt zu betrachten, und dass man sich beim Betrachten der Welt natürlich fragt, was los ist und das dann zu beschreiben versucht; ich glaube, Schreiben ist zu einem Großteil der Versuch zu ergründen, warum Menschen tun, was sie tun. Menschliches Verhalten, tugendhaftes wie teuflisches, versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Wer jedoch über menschliche Verhaltensweisen schreibt, erweckt vielleicht den Anschein von Aktivismus, da Sprache eine inhärente moralische Dimension hat, und Geschichten genauso. Der Leser wird moralische Urteile fällen, selbst wenn der Schriftsteller behauptet, nur Zeugnis abzulegen. Was nach Aktivismus meinerseits aussieht, ist meist eine Art tollpatschiges Staunen. Warum hat denn der Kaiser nichts an, und warum wird es so oft als unhöflich empfunden, wenn man einfach damit herausplatzt?

Nachdem ich Ihnen nun also herzlich gedankt habe für all die netten Dinge, die Sie über mich gesagt haben, möchte ich diesen freudigen Augenblick den Sternen zuschreiben und dem glücklichen Zusammenspiel meiner zugegeben seltsamen Arbeit – vor allem meiner seltsamen dystopischen Arbeit – mit dem zugegeben seltsamen historischen Augenblick, den wir gerade durchleben.

Was ist das für ein seltsamer historischer Augenblick? Es ist eine Zeit, wo der Boden – der vor Kurzem noch ziemlich stabil wirkte, wo Saatzeit auf Erntezeit folgte und ein Geburtstag auf den nächsten und so weiter – wo dieser Boden unter unseren Füßen wankt, ein mächtiger Wind bläst und wir nicht mehr genau wissen, wo wir sind. Wir wissen auch nicht mehr genau, wer wir sind. Wem gehört das Gesicht da im Spiegel? Warum wachsen uns Fangzähne? Erst gestern noch waren wir von so viel gutem Willen und Hoffnung beseelt. Und jetzt?

Die Vereinigten Staaten erleben gerade einen solchen Augenblick. Nach der Wahl 2016 sagten junge Menschen dort zu mir: »Das hier ist das Allerschlimmste, was je passiert ist«, worauf ich sowohl erwiderte: »Nein, nein, es ist schon Schlimmeres passiert«, als auch: »Nein, das stimmt nicht; noch nicht.« Großbritannien macht ebenfalls gerade schwierige Zeiten durch, mit viel Heulen und Zähneklappern. Und dasselbe gilt, wenn auch auf weniger drastische Weise, aber doch – im Anbetracht der jüngsten Wahlergebnisse – auch für Deutschland. Diese Gruft hielt man bislang für verschlossen, doch irgendjemand besaß den Schlüssel und hat die verbotene Kammer geöffnet – was für ein Ungeheuer wird daraus geboren? Verzeihen Sie mir dieses schauerliche Szenario, doch an vielen Fronten besteht Anlass zur Sorge.

Jedes Land hat, wie jeder Mensch, ein nobles Ich – das Ich, für das es sich gern halten würde –, und es hat ein Alltags-Ich – das einigermaßen manierliche Ich, mit dem es durch die alltäglichen Wochen und Monate kommt, wenn alles läuft wie erwartet –, und dann hat es ein verborgenes, viel weniger tugendhaftes Ich, das in Augenblicken der Bedrohung und Wut hervorbrechen und unsägliche Dinge tun kann.

Was aber verursacht solche Zeiten von Bedrohung und Wut – oder was verursacht sie heute? Dazu werden Sie schon viele Theorien gehört haben, und es werden bestimmt nicht die letzten sein. Es ist der Klimawandel, sagen die einen: Flutkatastrophen, Dürren, Waldbrände und Wirbelstürme wirken sich auf die Wuchsbedingungen aus, und dann gibt es Nahrungsmittelknappheiten, und dann gibt es soziale Unruhen, und dann gibt es Kriege, und dann gibt es Flüchtlinge, und dann gibt es die Angst vor Flüchtlingen, denn wird es genug für alle geben?

Es ist das wirtschaftliche Ungleichgewicht, werden andere sagen: Zu wenige Reiche kontrollieren zu viel vom Vermögen der Welt, und sie sitzen darauf wie Drachen und verursachen finanzielle Ungleichheit und Feindseligkeiten, und so entstehen soziale Unruhen und Kriege oder Revolutionen und so weiter. Nein, sagen wieder andere: Es ist die moderne Welt: Es sind Automatisierung und Roboter, es ist die Technologie, es ist das Internet, es ist die Manipulation von Nachrichten und Meinungen durch ein paar Opportunisten zu ihren Gunsten: Das Heer von Internet-Trollen und Astroturfern beispielsweise, die sich so sehr bemüht haben, die deutschen Wahlen zu beeinflussen, aber auch, wie es scheint, die ähnlichen Anstrengungen der Russen in den Vereinigten Staaten über Facebook. Aber warum überrascht uns das? Das Internet ist ein menschliches Werkzeug wie alle anderen: Axt, Gewehr, Eisenbahn, Fahrrad, Auto, Telefon, Radio, Film, um nur ein paar zu nennen – und wie jedes menschliche Werkzeug hat es eine gute Seite, eine schlechte Seite und eine dumme Seite, die Wirkungen zeitigt, die zunächst nicht vorherzusehen waren.

Unter diesen Werkzeugen ist womöglich das allererste, einzigartig menschliche Werkzeug: unsere Fähigkeit, dank differenzierter Grammatik zu erzählen. Was für einen Vorteil müssen Geschichten uns einst gebracht haben – die Möglichkeit, essentielles Wissen weiterzugeben, damit man nicht immer erst alles durch Ausprobieren selbst herausfinden musste. Wölfe kommunizieren, doch sie erzählen nicht die Geschichte vom Rotkäppchen.

Auch Geschichten können eine gute Seite und eine schlechte Seite haben, und eine dritte Seite, die unvorhergesehene Wirkungen zeitigt. Als Geschichtenschreiberin bin ich natürlich verpflichtet zu sagen, wie notwendig sie sind, wie sehr sie uns helfen, einander zu verstehen, wie sie Empathie schaffen und so weiter – und das ist wahr. Aber weil ich Geschichten schreibe, bin ich mir auch bewusst, dass sie Mehrdeutigkeiten und Gefahren bergen. Sagen wir einfach so: Geschichten haben es in sich. Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern – zum Besseren oder zum Schlechteren.

Wie lautet also die Geschichte, die wir uns über unsere Gegenwart und ihre Beschwernisse erzählen? Was immer die Ursache unserer momentanen Veränderungen sein mag, es ist so ein Moment, wo die Kaninchen auf dem Feld die Ohren spitzen, weil ein Jäger die Bühne betreten hat.

Da kommt er also des Weges, ein Wolf im Schafspelz oder gar ein Wolf im Wolfspelz, und dieser Wolf wird sagen: Kaninchen, ihr braucht einen starken Anführer, und ich bin genau der Richtige für den Job. Ich werde wie von Zauberhand die perfekte Welt der Zukunft erscheinen lassen und Eiscreme wird auf Bäumen wachsen. Aber zunächst einmal müssen wir die Zivilgesellschaft abschaffen – sie ist zu weich, sie ist degeneriert –, und wir werden die akzeptierten Verhaltensnormen aufgeben müssen, dank derer wir durch die Straßen gehen können, ohne uns andauernd gegenseitig ein Messer in den Rücken zu jagen. Und dann werden wir diese Leute abschaffen müssen. Erst dann wird die perfekte Gesellschaft erscheinen!

Diese Leute variieren von Ort zu Ort und von Epoche zu Epoche. Mal sind es Hexen oder Leprakranke, beiden gab man die Schuld für den Schwarzen Tod. Mal sind es die Hugenotten, im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich. Mal sind es die Mennoniten. (Aber wieso die Mennoniten?, fragte ich einen mennonitischen Freund. Ihr wirkt doch völlig harmlos! Wir sind Pazifisten, erwiderte er. Auf einem Kontinent, der Krieg führt, geben wir ein schlechtes Beispiel ab.)

Jedenfalls sagt der Wolf: Macht, was ich sage, und alles wird gut. Widersetzt ihr euch, werde ich knurren und die Zähne fletschen und euch Stück für Stück zermalmen.

Die Kaninchen erstarren, weil sie verwirrt sind und Angst haben, und als sie endlich dahinterkommen, dass der Wolf es ganz und gar nicht gut mit ihnen meint, sondern alles nur zum Vorteil der Wölfe eingefädelt hat, ist es zu spät.

Ja, wissen wir, werden Sie sagen. Wir haben die Märchen gelesen. Wir haben Science Fiction gelesen. Man hat uns gewarnt, schon oft. Aber irgendwie hilft das nicht unbedingt, zu verhindern, dass diese Geschichte sich in menschlichen Gesellschaften immer wieder von neuem abspielt.

An dieser Stelle muss ich mich bei den Wölfen entschuldigen. Euren Namen, liebe Wölfe, habe ich nur als Metapher benutzt. Bitte fallt in den sozialen Medien nicht über mich her mit Botschaften wie: Du blöder privilegierter Mensch! Was weißt du denn schon vom Seelenleben der Wölfe, du anthropozentrischer Snob? Bist du schon mal mit der Pfote in eine Falle geraten? Ohne uns Wölfe könntet ihr euch kaum noch retten vor Rehen und Kaninchen, und dann?

Schon klar. Und mir ist auch klar, dass ihr Wölfe im Grunde gut seid, zumindest zu anderen Wölfen, oder zumindest zu Wölfen aus eurem eigenen Rudel. Ich kenne eure polyphone Musik und finde sie betörend. Vielleicht hätte ich lieber Dinosaurier nehmen sollen; die wären aber weniger gut verstanden worden, und womöglich nicht so unterhaltsam. Und das muss man als Geschichtenerzähler immer in Betracht ziehen. Wir sind eine hinterhältige Bande, und wir neigen zu leichtfertigen Entscheidungen.

*

Diese kleine Fabel, die ich hier zusammengesponnen habe, stammt aus meiner tiefen Vergangenheit – aus der Zeit, als ich ein Kind war und in der Wildnis im Norden Kanadas aufwuchs, fernab von den Dörfern und Ortschaften und Städten, aber ziemlich dicht dran an den Kaninchen und Wölfen. Wenn es dort oben regnete, gab es drei Formen der Beschäftigung: Schreiben, Zeichnen oder Lesen. Unter den Büchern, die ich las, waren die gesammelten Grimms Märchen – mitsamt ausgepickten Augen und rotglühenden Schuhen. Meine Eltern hatten das Buch mit der Post bestellt, und als sie sahen, was drin stand, befürchteten sie, es könne ihre Kinder verderben. Was wohl bei mir der Fall war. Es muss mich in diejenige Richtung verdorben haben, Schriftstellerin zu werden, denn ohne Grimms Märchen – so clever, so fesselnd, so komplex, so gruselig, so vielschichtig, doch stets mit einer Endnote der Hoffnung, die einem das Herz bricht, weil sie so unwahrscheinlich ist, wie hätte ich sonst jemals – Sie ahnen, was jetzt kommt –, wie hätte ich sonst jemals den »Report der Magd« schreiben können?

Der Buchumschlag der ersten amerikanischen Ausgabe ist sehr suggestiv. Abgebildet sind zwei Mägde in ihren roten Gewändern, die mit Korb über dem Arm an zwei Rotkäppchen erinnern. Hinter ihnen steht eine hohe Steinmauer – ganz wie DIE Mauer, die berühmte Berliner Mauer. Die beiden Frauen werfen ihre Schatten gegen die Mauer –, und diese Schatten sind die Schatten zweier Wölfe.

Den Roman begann ich in West-Berlin zu schreiben, im Jahr 1984 – ja, George Orwell sah mir dabei über die Schulter – auf einer gemieteten deutschen Schreibmaschine. Ringsherum stand die Mauer. Jenseits der Mauer lagen Ost-Berlin, und die Tschechoslowakei, und auch Polen – Länder, die ich damals alle besuchte. Ich weiß noch, was die Leute damals zu mir sagten, und was sie nicht sagten. Ich erinnere mich an die vielsagenden Redepausen. Ich erinnere mich an das Gefühl, das ich selbst hatte, aufpassen zu müssen, was ich sage, denn ich könnte unwissentlich jemanden in Gefahr bringen. Das alles fand Eingang in mein Buch.

Das Buch erschien 1985 in Kanada und 1986 in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Obwohl meine Grundregel gewesen war, nichts darin vorkommen zu lassen, was Menschen nicht irgendwo, irgendwann schon mal getan hatten, wurde es von einigen Kritikern mit Skepsis aufgenommen. Ja, es sei zu feministisch mit all dem Gerede von wegen Kontrolle über Frauen und deren nicht enden wollende Körper, aber auch zu weit hergeholt. Dort – in den Vereinigten Staaten –, wäre so etwas undenkbar, denn galten die Vereinigten Staaten im Kalten Krieg nicht als Kraft für das Gute? Standen sie nicht für Demokratie und Freiheit – so unvollkommen dies am Boden auch durchgesetzt wurde? Gegenüber geschlossenen Systemen wie der Sowjetunion war Amerika offen. Gegenüber Gewaltherrschaft versprach Amerika unbegrenzte Möglichkeiten aufgrund von Leistung. Auch wenn Amerika einige äußerst dunkle Kapitel seiner Geschichte zu bewältigen hatte – waren das nicht die Ideale? Doch. Das waren sie.

Aber das war damals. Heute, gut dreißig Jahre später, ist dieses Buch wieder aktuell, denn plötzlich wirkt es nicht mehr wie eine weit hergeholte, dystopische Fantasie. Es ist nur allzu wahr geworden. Dieser Tage tauchen rotgewandete Gestalten in den Parlamenten auf, um schweigend gegen die Gesetze zu protestieren, die dort hauptsächlich von Männern beschlossen werden, um Frauen zu kontrollieren. Deren Ziel ist es anscheinend, die Uhren zurückzudrehen, am liebsten ins neunzehnte Jahrhundert. In was für einer Welt wollen diese Abgeordneten leben? In einer sehr ungleichen: so viel steht fest. In einer ungleichen Welt, in der sie selbst mehr Macht haben werden und andere Menschen weniger. Beauftragt man die Ameisen, das Picknick auszurichten, werden die Ameisen das Picknick nach ihrem Geschmack umgestalten: Es wird keine Menschen geben, nur Sandwiches und Kekse. Die Ameisen zumindest wissen, in was für einer Welt sie leben wollen, und sie machen keinen Hehl daraus. Ameisen sind keine Heuchler.

Dieselbe Frage müssen sich die Bürger jedes Landes stellen: In was für einer Welt wollen sie leben? Ich mit meiner düsteren Weltsicht würde diesen Satz beschränken auf die Frage: Wollen sie leben? Denn wenn wir Abstand nehmen von unserem Menschenbild – so weit Abstand nehmen, bis die Grenzen zwischen den Ländern verschwinden und die Erde zu einer blauen Murmel im Weltall wird, mit viel mehr Wasser darauf als Land –, liegt es auf der Hand, dass unser Schicksal als Spezies daran geknüpft ist, ob wir die Meere zerstören oder nicht. Sterben die Meere, dann sterben auch wir – mindestens sechzig Prozent unseres Sauerstoffs stammt von Meeresalgen.

Aber ich will versuchen, Sie nicht allzu sehr zu deprimieren. Es gibt Hoffnung, es gibt Hoffnung: geniale Köpfe arbeiten bereits an Problemen wie diesen. Aber was soll man einstweilen als Künstler tun? Wozu überhaupt Kunst schaffen, in so verstörenden Zeiten? Was ist das überhaupt, Kunst? Warum sollten wir uns damit abgeben? Was macht man damit? Lernen, lehren, uns ausdrücken, die Realität beschreiben, uns unterhalten, die Wahrheit darstellen, feiern oder gar anklagen und verfluchen? Es gibt keine allgemeingültige Antwort. Seitdem der Mensch erkennbar menschliche Züge trägt, hat er Kunst geschaffen – Musik, Bilder, Theater – auch Rituale –, und Sprachkunst mitsamt dem Erzählen von Geschichten. Kinder reagieren auf Sprache und Musik, bevor sie selbst sprechen können: Die Fähigkeit scheint integriert zu sein. Die Kunst, die wir schaffen, ist spezifisch für die zugrunde liegende Kultur – für deren Standort, deren treibendes Energiesystem, deren Klima und Nahrungsquellen, und für deren Glaubensvorstellungen, die wiederum mit allem verbunden sind. Aber noch nie haben wir keine Kunst geschaffen.

Jahrhunderte lang entstand Kunst im Auftrag der Herrscher – Könige, Kaiser, Päpste, Herzoge und dergleichen. Doch seit romantischen und postromantischen Zeiten werden an den Künstler andere Erwartungen gestellt. Natürlich soll er oder sie vor den Mächtigen die Wahrheit aussprechen, die Geschichten erzählen, die verdrängt worden sind, den Stimmlosen eine Stimme geben. Und viele Schriftsteller haben das getan; oft haben sie sich Ärger eingehandelt, und manchmal hat es sie das Leben gekostet. Aber sie mussten gestalten. Sie haben heimlich geschrieben, sie haben ihre Manuskripte aus der Gefahr herausgeschmuggelt und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Sie sind von weit her gekommen, erschöpft wie der Bote aus dem Buch Hiob, der die Worte spricht: »Und ich bin allein entkommen, um es dir zu melden.«

Um es dir zu melden. Um es dir, lieber Leser, singular, zu melden. Ein Buch ist eine Stimme in deinem Ohr; die Botschaft ist – während du sie liest – für dich allein bestimmt. Ein Buch zu lesen ist sicherlich die denkbar intimste Erfahrung der Gedankenwelt eines anderen Menschen. Schriftsteller, Buch und Leser – in diesem Dreieck stellt das Buch den Boten dar. Und alle drei sind Teil eines Schöpfungsaktes, ähnlich wie Komponist, Orchestermitglied und Zuhörer am Schöpfungsakt teilnehmen. Der Leser ist der Musiker des Buches.

Und was den Schriftsteller anbelangt, ist sein Part erledigt, sobald das Buch hinausgeht in die Welt; es ist das Buch, das dann leben oder sterben wird, und was mit dem Schriftsteller passiert, ist an diesem Punkt, aus Sicht des Buches, sekundär.

Jeder Gewinner eines Kunstpreises ist der vorübergehende Repräsentant aller Praktizierenden dieser Kunst sowie der Gemeinschaft, die die Existenz der Kunst ermöglicht – diejenigen, die uns vorangegangen sind, diejenigen, von denen wir selbst gelernt haben, diejenigen, die gestorben sind, bevor sie Anerkennung fanden, diejenigen, die gegen Rassendiskriminierung ankämpfen mussten, ehe sie ihre Stimme fanden, diejenigen, die für ihre politischen Ansichten getötet wurden und diejenigen, denen es gelang, Zeiten der Unterdrückung und Zensur zu überstehen. Dann gibt es diejenigen, die nie Schriftsteller wurden, weil man ihnen keine Möglichkeit gab – wie die vielen nordamerikanischen, australischen und neuseeländischen Geschichtenüberbringer und oral poets aus indigenen Kulturen der Vergangenheit und sogar der Gegenwart. Für solche Stimmen öffnen sich auf der ganzen Welt Türen; andere Türen aber werden geschlossen. Hier müssen wir wachsam bleiben.

Meinen Lehrern also, den toten wie den lebenden, den vielen Schriftstellern in meinem Leben und in meiner Bibliothek; meinen Lesern, denen ich meine Geschichten anvertraut habe, all meinen Verlegern, die meine Arbeit nicht für Papierverschwendung gehalten und die auf mich gesetzt haben, meinen Agenten, Begleitern auf dieser Reise, und all den Freunden und Fachleuten, die mir über die Jahre geholfen und mich unterstützt haben, einschließlich meiner Familie, meiner unmittelbaren wie erweiterten, meiner Mutter, einer wunderbaren Vorleserin – danke für eure Gaben.

Eine Gabe sollte erwidert oder weitergegeben werden – sie sollte von Hand zu Hand wandern wie ein Buch. Lassen Sie uns hoffen auf eine Welt, in der solche Gaben noch immer möglich sind. Lassen Sie uns keine Türen schließen und Stimmen zum Schweigen bringen. Eines Tages werde ich einen Strand entlang spazieren oder einen Buchladen betreten, und ich werde eine Flaschenpost finden oder ein Buch, und ich werde es öffnen und werde die Botschaft lesen, von dir an mich – ja, von dir da draußen, einem jungen Schriftsteller, und  vielleicht ist es sein erstes Buch. Und ich werde sagen: Ja. Ich kann dich hören. Ich kann deine Geschichte hören. Ich kann deine Stimme hören.

Nochmals meinen herzlichsten Dank an Euch alle.

Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Monika Baark.