"Die Erzählerin als moralisches Zeugnis"

Laudatio von Seyla Benhabib. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


I.

Wer Carolin Emckes Buch – Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit (2013) – in die Hand nimmt, dem blickt vom Einband Paul Klees berühmter Angelus Novus entgegen. In der Neunten These seiner Abhandlung Über den Begriff der Geschichte bietet Walter Benjamin, der die Zeichnung 1921 erworben hatte, eine Interpretation an:

»Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. … Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

Es ist aber nicht Benjamins geschichtsphilosophischer Pessimismus, der Klees Bild als Eintrittspunkt zu Carolin Emckes Werk empfiehlt. In ihren Texten finden sich weder historischer Pessimismus noch messianischer Optimismus. Was einem stattdessen von jeder Seite entgegenstrahlt, ist das Staunen im Gesicht des Engels der Geschichte, der mit weit aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund seine Flügel ausspannt. Emcke wundert sich, dass die grausamen Dinge, die in Bürgerkriegen geschehen, überhaupt menschenmöglich sind; dass Folter, Vergewaltigung, Hiebe, Verstümmelung und Demütigung tatsächlich passieren. Auch wenn man, wie Benjamin sagt, das Zerschlagene nicht mehr zusammenfügen kann, so kann man es doch erlösen, indem man es erzählt. Carolin Emcke hat die Gabe, die Dinge so benennen und erzählen zu können, dass das Schweigen, in das sich Gewalt, Grausamkeit und Folter hüllen, durchbrochen wird. Es ist diese Gabe, die sie heute zu einer der einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit macht.

Wie die Begründung des Friedenspreises es ausdrückt, beschreibt Carolin Emcke »auf sehr persönliche und ungeschützte Weise, wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können. Mit analytischer Empathie appelliert sie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden«. Diese »analytische Empathie« lässt sich vor allem in Emckes meisterhafter Erzählkunst bestaunen. Walter Benjamins Aufsatz Der Erzähler bietet auch hier Aufschluss. Benjamin beginnt mit der Beobachtung, dass »Erfahrung im Kurse gefallen« sei. »Mit dem Weltkrieg begann ein Vorgang offenkundig zu werden, der seither nicht zum Stillstand gekommen ist. Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, daß die Leute verstummt aus dem Felde kamen? nicht reicher – ärmer an mitteilbarer Erfahrung.« (104) Was bedeutet es, dass Erfahrung im Kurse gefallen ist? Zunächst einmal heißt es, dass die Kommunikation von Erfahrungen durch den Austausch von Informationen und Phrasen ersetzt wurde.

Emcke verweigert sich der Verarmung der Erfahrung durch das Schweigen und den bloßen Austausch von Information. Sie widersetzt sich der Sprachlosigkeit, die sowohl jene befällt, die gefoltert, verstümmelt, geschlagen und vergewaltigt wurden, als auch jene, die ihre eigene Ohnmacht unter Vortäuschung von Macht zu verstecken suchen. Als Erzählerin hat sie eine einmalige Synthese aus Reportage, philosophischer Reflektion, und literarischer Komposition geschaffen, durch die sie »moralisches Zeugnis« ablegen kann über menschliches Leid in gewaltsamen Konflikten, aber auch über andere Formen von Leid und Schweigen, die all jene verspüren, die anders sind, sei es sexuell, psychologisch, religiös oder ethnisch. Dadurch erlöst sie den Schmerz der Nicht-Sagbarkeit und bringt die Mauern des Schweigens und Leids zu Fall, hinter denen sich das Trauma des Unsäglichen auftürmt.

Man erinnere sich an den Anfang von Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF: wie langsam, wie vorsichtig, wie geduldig das Buch beginnt. Emckes Sanftmut und Behutsamkeit beschränkt sich nicht nur auf das Opfer – Alfred Herrhausen, ihr Patenonkel –, sondern bezieht auch den Taxifahrer mit ein, der nie bezahlt wurde, weil eine fassungslos benommene Carolin Emcke vom Tatort wegbegleitet wurde.

»Ich denke immer noch an den Taxifahrer. Es war bereits Mittag, als die Maschine aus London in Frankfurt landete.// Ich stieg in das erstbeste Taxi auf den Standstreifen im unteren Stockwerk des Flughafens und nannte dem Fahrer erklärungslos die Adresse in Bad Homburg. Er verzog keine Miene.// Dabei musste er wissen, wessen Haus das war. … Wortlos nahm er mir meine alte, zerknautschte Ledertasche ab und verstaute sie im Kofferraum.« (9)

Einige Seiten später erfahren wir dann: »An meinen Taxifahrer habe ich gar nicht mehr gedacht. Er musste die ganze Zeit dort vor der Kreuzung gestanden haben, auf dem Bürgersteig. // Wie lange möchte das her sein? Wie lange hatte ich auf diesen – in die Luft gesprengten – Wagen gestarrt? Wie lange war ich abgetaucht?« (13)

In einem Buch, das sich mit einem der dunkelsten und immer noch nicht vollständig geklärten Kapitel Nachkriegsdeutschlands auseinandersetzt – mit all seinen Verbindungen zwischen der RAF, der Stasi, dem westdeutschen Verfassungsschutz und den Spionen und Provokateuren auf allen Seiten – mag meine Betonung derartiger narrativer Details unangemessen erscheinen. Doch es ist genau diese Kunst, sich einem Trauma indirekt zu nähern, ihre Gabe zu Erinnerungsarbeit, die nie einem geraden Handlungsstrang entspricht, sondern sich vermeintlich unerheblichen Details widmet und unerwarteten Pfaden folgt, die Emcke zu einer wirklich großen Erzählerin macht.

In der Einleitung ihrer Essaysammlung Weil es sagbar ist erwähnt Emcke ihr Verzagen als junge Kriegsberichterstatterin angesichts der Unfähigkeit, »das Erlebte« vermitteln zu können. »Wie viel Zeit ist vergangen seit dem Erlebten, das es zu beschreiben gilt? Geht es um einen einzelnen Akt oder eine längere Phase? Ist es die erstmalige Suche nach Worten für das Geschehen? Ist es ein kreisendes, zögerndes, ein zielloses Sprechen? ... Oder gibt es Fragen, wohlmeinende oder argwöhnische, die dem Zeugen narrative Pfade bahnen?« (25) Mit dem gewaltsamen Tod ihres Patenonkels konfrontiert, bietet die abgekapselte Erinnerung an den Taxifahrer und an die im Kofferraum vergessene Ledertasche Emcke einen narrativen Pfad, um ihr Empfinden einer zeitlichen Zäsur zu vermitteln, die sie derartig in den Bann schlug, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, wie lange sie den zerstörten Mercedes ihres Patenonkels wortlos angestarrt hat.

In einer ihrer schönsten Geschichten, der von Adem, einem bosnischen Flüchtling, schlägt sie einen ähnlichen narrativen Bogen, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf Adems Schuhe lenkt. Sein Flüchtlingsantrag wird abgewiesen und er wird von Deutschland nach Belgrad abgeschoben, wo seine Staatsbürgerschaft aufgehoben, er zusammengeschlagen und dann wieder mit einem Flugzeug zurück nach Deutschland gebracht wird. Als Adem anfängt, seine Geschichte zu erzählen, sagt er: » >Ich hatte ganz neue Schuhe. Und sie waren teuer<, wiederholte er noch einmal mit Nachdruck.« Emcke fragt: »Wann? Wozu? Was hatte das mit seiner Flucht aus Jugoslawien zu tun? Was mit seiner Zeit als schutzloser Asylbewerber in der Bundesrepublik, verfrachtet von einer Baracke, einem Flüchtlingsheim zum nächsten?« (38-39)

Sowohl Traumaforschung als auch Psychoanalyse verweisen als Folge eines Traumas auf die Schwierigkeit, das Geschehene einer Extremsituation im Gedächtnis zu entwirren. Gewalt und Zerstörung entkoppeln uns von unseren Erfahrungen. Trauma wirft unser Erinnerungsvermögen durcheinander und chiffriert es. Man kann sich einem Trauma nur langsam nähern, mit Sorgfalt, mit Teilnahme, mit »analytischer Empathie«, wenn das Opfer beginnt, sich der Wurzel des Schmerzes zu nähern und sich an das erfahrene Leid erinnert. Trauma wird sagbar, genau weil jemand das Geschehene in eine Geschichte einzuordnen weiß und es so erzählbar macht. Das ist nicht nur eine intellektuelle Herausforderung, sondern auch eine Form moralischer Interaktion mit dem Anderen – und eine hohe Kunstform. Hannah Arendts Worte über die dänische Schriftstellerin Karen Blixen lassen sich hier gut auf Emckes Mission anwenden: » >Alle Sorgen sind zu ertragen, wenn man sie in eine Geschichte packen oder eine Geschichte über sie erzählen kann.< Die Geschichte enthüllt die Bedeutung dessen, was sonst eine unerträgliche Folge bloßer Ereignisse bliebe.« (Arendt, Menschen in finsteren Zeiten, 124)

II.

Carolin Emckes frühe Kriegsreportagen und Reiseberichte aus dem Irak, Afghanistan, Bosnien, Haiti und Gaza, die in ihrem Buch Von den Kriegen. Briefe an Freunde gesammelt sind, erschienen in einem kritischen historischen Moment in der Nachkriegsgeschichte liberaler Demokratien. Aus den juristischen und moralischen Verwirrungen um den Begriff der »humanitären Intervention« entstand ein eigenes Genre, zu dem auch Michael Ignatieff, Philipp Gourevitch, David Rieff und andere beitrugen. Die Unterscheidung zwischen Reportage und moralisch-politischem Kommentar sprengend, trugen sie dazu bei, die Dilemmata und Heucheleien der humanitären Intervention offenzulegen: warum im Kosovo 1998-99, aber nicht in Ruanda 1994? Warum in Afghanistan 2001, im Irak 2003, in Libyen aber damals nicht, dafür dann aber ein Jahrzehnt später in 2011?Und warum heute nicht in Syrien? Viele sahen in diesen Kriegen die neo-imperialen Ambitionen des letzten Welthegemons, der Vereinigten Staaten. Aber das verkennt, dass diese Kriege auch den Menschenrechten und dem humanitären Recht Schaden zugefügt haben; einem Rechtssystem, das Nationalstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg schufen und durch welches sie versprachen, dass Gräueltaten wie die der Jahre 1939-1945 sich nicht wiederholen würden. Der Missbrauch des Begriffs der humanitären Intervention durch die diplomatischen Tänze Tony Blairs, wie auch die Missachtung internationalen Rechts und internationaler Übereinkommen gegen Folter durch die Regierung George W. Bushs haben Menschenrechten und humanitärem Recht schwer zugesetzt. Fast fünfundzwanzig Jahre nach den Balkankriegen und dem Massaker in Ruanda leiden wir heute noch an einer juristischen und moralischen Verwirrung. Ein moralischer Nebel verschleiert unsere juristischen und ethischen Verpflichtungen gegenüber »leidenden Fremden«.

In ganz Europa rufen rechtsextreme und fremdenfeindliche Parteien zum Angriff auf internationales Recht und Menschenrechtskonventionen. Reaktionärer Nativismus und Nationalismus drohen die zerbrechlichen Institutionen internationaler Kooperation jenseits des Nationalstaates – wie die Europäische Union – zu zerstören. Das amerikanische Bekenntnis zum Internationalismus wird gleichzeitig durch die Rückkehr einer autoritären, patriarchalen Ideologie der »weißen Europäischen Abstammung« herausgefordert, die sich offen gegen die braunen und schwarzen Menschen dieser Welt stemmt – seien sie Syrer oder Mexikaner. Der Mythos des Nationalstaats als Alleinvertreter der Weltgeschichte wird heute von London bis Budapest und von Moskau bis zum Trump Tower in New York wieder heraufbeschworen.

Dabei wird außer Acht gelassen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 und ihr Protokoll über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1967 zwei der wichtigsten rechtlichen Abkommen der Nachkriegszeit sind. Sie entsprangen aus der Anerkennung einer engen Verbindung zwischen Genozid und Staatenlosigkeit. Hannah Arendts Analyse des paradoxen »Rechts, Rechte zu haben«, zeigte eindringlich, wie Staatenlosigkeit, also der Verlust des persönlichen Schutzes durch ein anerkanntes politisches Gemeinwesen, das Individuum schutzlos der Verfolgung auslieferte. Menschenrechte, von denen wir annahmen, dass sie genau in diesen Momenten Menschen als Menschen beschützen würden, waren unter diesen Umständen wertlos. Als Arendt Die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1951 schrieb, hatte sie wenig Vertrauen, dass internationales Recht und internationale Institutionen adäquate Lösungen angesichts dieser Situation bieten könnten, obwohl durch sie  das »Recht, Rechte zu haben« geschützt werden sollte, auch vor den vermeintlich souveränen Launen der Nationalstaaten. Dabei deklamierte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schon  1948 in Artikel 13 das Recht auszuwandern, das heißt, ein Land zu verlassen und zurückkehren zu können. Artikel 14 verankert das Recht auf Asyl unter bestimmen Umständen, die durch die Genfer Konventionen weiter klargestellt wurden. Artikel 15 der Menschenrechtserklärung proklamiert das Recht auf Staatsangehörigkeit.

Obwohl das internationale Menschenrechtsregime wie auch das humanitäre Völkerrecht heute viel weiter entwickelt sind als zu Arendts Zeiten, befindet sich der Flüchtlingsschutz sowohl in der Theorie als auch in der Praxis in einer tiefen Krise. Die Genfer Konvention ist in erster Linie auf die Opfer des Naziregimes und auf politische Dissidenten zugeschnitten. Angesichts eines »allgemeinen Gewaltzustands«, wie wir ihn in Syrien beobachten und in der Vergangenheit in Zentralamerika und Südamerika beobachten mussten, werden Flüchtlinge nicht als Einzelpersonen verfolgt, sondern sind kollektive Opfer von Gewalttaten ihrer eigenen Regierung, Drogenbanden oder paramilitärischen Gruppierungen. In Anerkennung dieses kollektiven Flüchtlingszustands, der den Flüchtlingsbegriff der Genfer Konvention sprengt, wurde 1984 die Cartagena Erklärung von sämtlichen zentralamerikanischen Ländern sowie von Mexiko verabschiedet, die ausdrücklich jene Menschen mit einbezieht, die aus ihrem Land flüchteten, »weil ihr Leben, ihre Sicherheit oder Freiheit durch allgemeine Gewalt, Aggression von außen, innere Konflikte, massive Menschenrechtsverletzungen oder andere Umstände, die zu schweren Störungen der öffentlichen Ordnung geführt haben, bedroht ist«.

Die Europäische Union muss dieses vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen anerkannte Rechtsmittel in Betracht ziehen, um die Last zu mindern, die derzeit auf Erstaufnahmeländern, wie Griechenland, Italien und Spanien, aber vor allem auf den Flüchtlingen ruht, die dort festsitzen bis ihre Anträge aufgearbeitet sind. Während dieser Zeit befinden sich diese Menschen in einem Kafkaesken Zustand: sie stehen »vor dem Gesetz« und sind Gesetzen unterworfen ohne aber vor ihnen gleich zu sein.

Einige europäische Länder wie Ungarn, die Tschechische Republik, Österreich und Großbritannien haben sich inzwischen offen einem regressiven Souveränismus zugewandt. Sie bestehen darauf, in Verletzung der Genfer Flüchtlingskonvention, Flüchtlinge nach eigenem Ermessen zu behandeln, während ironischerweise eine zunehmend autokratische und diktatorische Regierung in der Türkei 2,7 Millionen Flüchtlinge aufnimmt.

Es ist wenig bekannt, dass die Türkei zwar Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention ist, aber als Flüchtlinge gemäß dem Abkommen nur jene anerkennt, die aus Europa geflohen sind und zwar auf Grund »der Ereignisse, die vor dem 1. Januar 1951« stattgefunden haben. Flüchtlinge, die aus außereuropäischen Gebieten in die Türkei kommen, werden von der türkischen Regierung nichts als Flüchtlinge gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention eingestuft. Stattdessen fallen sie unter eine gesonderte türkische Direktive, die sogenannte »Temporäre Schutzverwaltung«. Die Erklärung Präsident Erdogans, sämtlichen in Frage kommenden syrischen Flüchtlingen die türkische Staatsbürgerschaft in Aussicht zu stellen, verkündet kurz vor dem Scheitern des Militärputschs am 15. Juli dieses Jahres, entspricht sicherlich der moralischen und politischen Hoffnung vieler Flüchtlinge. Aber die giftige Vermengung moralischer und realpolitischer Erwägungen, die die Flüchtlingsdiskussion heute plagt, findet sich auch in dieser politischen Geste. Präsident Erdogan, dessen Dominanz an der Wahlurne zum ersten Mal im Juni 2015 und dann erneut diesen Juni angefochten wurde, mag auf die syrischen Flüchtlinge mit der Hoffnung blicken, dass sie als Wählerblock mit nahezu einer Million Wahlberechtigten seinen Machtanspruch für die vorhersehbare Zeit sichern könnten.

III.

Carolin Emcke hat nicht nur über fremdes Leid geschrieben, sondern in ihren wöchentlichen Kolumnen als Journalistin auch regelmäßig auf die Notlage von Flüchtlingen verwiesen und uns so daran erinnert, dass ferne Fremde heutzutage unsere direkten Nachbarn sind, die sich unerwartet in unserem Land finden und denen wir besondere moralische Verpflichtungen schulden. Sie schreibt:

»Aber das ist es, was ich fordere: dass wir ein präziseres Vokabular entwickeln für unsere Schmerzen an und in der Demokratie, dass wir immer genauere, immer feinere, immer zartere Worte und Beschreibungen finden für das, was uns fehlt, dass wir die Begriffe, die uns verletzen, die Praktiken, die uns ausschließen, die Gesetze, die uns diskriminieren, übersetzen in Erfahrungen …, dass sie auch diejenigen verstehen, die sie nicht kennen, dass wir auf diese Weise erkennen, was das Gemeinsame sein kann und muss und was das Individuelle.« (177-178)

Schmerzen an und in der Demokratie! Das ist die weltweite Herausforderung heutzutage.

Liebe Carolin, lass mich abschließend sagen, dass wir uns vor über zwanzig Jahren in Frankfurt in den Seminaren von Professor Jürgen Habermas kennengelernt haben. Auch deswegen ist es eine ganz besondere Freude, Deine Person und Deine Errungenschaften in der Frankfurter Paulskirche zu feiern, in einer Stadt, mit der wir beide eng verbunden sind; in der ich mehr als zehn Jahre gelebt habe und in der meine Tochter 1986 geboren wurde. Ich feiere Dich heute nicht nur als öffentliche Intellektuelle, deren Worte und Schriften Dein Land ehren, sondern auch als eine liebe Freundin.

Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu diesem wohlverdienten Preis!

Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Eich.