"Die Präzision der Messerwerferin"

Laudatio von Eva Menasse. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


Eva Menasse
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Was für eine Freude und Ehre, eine Lobrede auf Margaret Atwood zu halten! Sie ist seit langem ein Vorbild und ein Ansporn, in erster Linie natürlich wegen ihrer Literatur, die zu rühmen heute vor allem schmerzhafte Beschränkung bedeuten wird. Denn allein über ein paar von ihren Erzählungen könnte und würde ich gern Vorträge in Vorlesungslänge halten, über die Präzision der Messerwerferin, mit der sie ihre Figuren mit drei, vier Sätzen nicht nur umreißt, sondern unvergesslich macht, über das dramaturgische Genie, mit dem sie gerade in der kleinen Form zwischen den Zeitebenen tänzelt. Und natürlich über ihren Röntgenblick, der keine Ausflüchte und Niedrigkeiten der Menschen zu übersehen gewillt ist, worüber sie jedoch mit ihrem frechen Humor hinwegtröstet.

Ebenso sehr zu bewundern ist Margaret Atwoods politische Stimme, eine Stimme, die – ich werde gleich darauf zurückkommen – einerseits direkt aus ihrer Literatur spricht, sich andererseits aber auch außerhalb davon immer wieder vernehmen lässt, in pointierten Interviews, oder in ihrer klug-vergnüglichen Schrift zum Thema Schulden, dem Band namens „Payback“. Darin führt sie den Beweis, dass es auch in den Werken der Literatur oft genug die wirtschaftlichen Fehltritte sind, die die Helden erst in den Untergang reißen. Die moralischen Verfehlungen allein sind es nicht. Aber irgendwie verdrängen wir immer, dass etwa Madame Bovary sich in ihrer Verzweiflung auch haltlos überschuldet hat. Wer weiß, wie es sonst mit ihr gekommen wäre. Hätte sie womöglich, schwer beschädigt zwar, aber: überlebt? Das komplizierte, vergiftete Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, das ganze haushalterische Desaster – wir übersehen es gern in den Romanen und widmen unsere Aufmerksamkeit lieber dem emotionalen Drama. Darauf hat die fast furchterregend belesene Margaret Atwood hingewiesen: wie eine kassandrische Prophezeiung erschien ihr Großessay, das sie im Sommer 2008 verfasste, also nur Monate, bevor mit dem Zusammenbruch der Investmentbank "Lehman Brothers" die weltweite Finanzkrise ausbrach.

Dazu ist Margaret Atwood eine immens kreative und produktive Autorin, ihr Werk ist von tropischer Vielfalt und reicht von wie hingetupften autobiographischen Erzählungen zu aufwendig ausgestalteten Zukunftsromanen. Ich bin nicht sicher, ob sie selbst weiß, wie viele Bücher sie geschrieben hat. Jedenfalls ist ihr etwas gelungen, was nach wie vor die Ausnahme ist: als Frau auf dem Gebiet der Literatur ein Weltstar zu werden.

Sie kennen wahrscheinlich das verzwickte Spiel und können es ja später gleich beim Mittagessen selbst spielen: Einer sagt ein Land, und die anderen bemühen sich, eine zeitgenössische Autorin von internationalem Rang und Bekanntheit zu nennen. Für ein paar gesegnete Länder und die gängigen Weltsprachen wird das schnell gelingen, für Kanada, Margaret Atwoods Heimat, fällt einem nach der Londoner Busformel sogar noch eine zweite ein. (Sie kennen die Londoner Busformel? Erst kommt lang keiner, dann gleich zwei auf einmal). Dennoch: Beim spontanen Frauen&Literatur-Spiel wird die Weltkarte einige große weiße Flecken aufweisen. Und wir alle wissen, dass es nicht an den Frauen liegt.

Es ist oft genug gesagt worden, das Frauenthema sei eines der Lebensthemen Margaret Atwoods. Ich halte dagegen. Durchaus aus eigener gelangweilter Erfahrung ist mir bestens bewusst, dass bei weiblichen Schriftstellern viel genauer auf das statistische Verhältnis zwischen Männer- und Frauenfiguren, Männer- und Frauenangelegenheiten geachtet wird. Ich möchte behaupten, dass nur Autorinnen Fragen gestellt werden wie: „Finden Sie es schwierig, sich in männliche Protagonisten einzufühlen?“ oder „Warum kommen in Ihren Texten so viele Patchworkfamilien vor?“

Wer dann noch mit „Der Report der Magd“ einen Roman, ihren wahrscheinlich bekanntesten, geschrieben hat, der vermeintlich von der Unterdrückung der Frauen handelt – in Wahrheit handelt er vom Totalitarismus, dem aber die Frauen immer als eine der ersten zum Opfer fallen – , hat sich für die Frauenecke schon beinahe überqualifiziert.

Nein, ich glaube, Margaret Atwoods Werk zeigt besonders gut, wie Literatur sein muss, um auch eine politische Wirkung zu entfalten. Es zeigt, wie politische und gesellschaftliche Analysen Eingang finden, ohne die Literatur zu verbiegen oder zu beschweren. Ganz im Gegenteil verleiht diese Grundierung durch Zeitgenossenschaft der Literatur überhaupt erst Dringlichkeit und Tiefe.

Und damit weitet sich dann automatisch das immer ein wenig herablassend so genannte „Frauenthema“ auf die Fragen von Macht und Ohnmacht, die ja das Thema der Literatur sind von allem Anfang an, von Homer über das Nibelungenlied und Shakespeare bis heute.

Ich habe den „Report einer Magd“ vor zirka einem halben Jahr aus Zufall gelesen – also 32 Jahre nach seinem Erscheinen, aber noch in keinem Zusammenhang mit unserem erfreulichen Anlass heute. Es war eines dieser Bücher, das ich immer schon einmal lesen wollte und das einem dann eines Tages zwischen die Finger gerät. Eine faszinierende Lektüre, literarisch einprägsam besonders aufgrund der streng durchgehaltenen personalen Perspektive, die den Leser immer nur soviel wissen lässt, wie die Protagonistin selbst weiß. Sie hieß früher offenbar June, wird jetzt aber einfach mit einem Patronym gerufen, das bezeichnet, welchem Mann sie gerade gehört. Die Erzählweise aus der Sicht dieser erst vor kurzem versklavten Frau erzeugt fast Klaustrophobie – damit aber gelingt es Margaret Atwood, die Erfahrung der Hauptfigur fast direkt auf den Leser zu übertragen: Man schlägt das Buch auf und steckt sofort in einer archaischen Welt voller Unterdrückung und Überwachung. Und mit einem Mal hält man für möglich, selbst eines Tages aufzuwachen, und die Welt wäre anders geworden, aber eben nicht ganz fremd und unbekannt, sondern bloß radikalisiert in einer Richtung, die auch in unserer Gegenwart verborgen möglich scheint. So wie Demokratie leider kein unumkehrbarer Zustand ist, ist es auch die Gleichberechtigung nicht.

Während der Lektüre habe ich mich fast auf jeder Seite gefragt, ob es sich um einen der Romane handelt, die dreißig Jahre später womöglich noch viel aktueller sind als zum Zeitpunkt des Erscheinens, ob sich die Lesart über die Jahrzehnte verändert, oder ob der Sog des Romans gerade in dieser Fluidität liegt. Denn das Bild des brutalen Überwachungsstaates, in dem die wenigen Frauen, die noch fruchtbar sind, zu Gebärmaschinen, zu Leihmüttern für die neue Oberschicht versklavt werden, changiert von Seite zu Seite. Mal fühlt man sich an fundamentalistische christliche Sekten erinnert, dann an den Islam in seiner schlimmsten Form, mal fühlt es sich eher nach Mittelalter an, dann nach einer gar nicht fernen Zukunft, in der sich die Auswirkungen von Umweltkatastrophen mit einer neuen Prüderie verbunden haben. Diese Dinge hängen ja fatal zusammen: Falls wir Menschen irgendwann die Welt zu einem Großteil ruiniert haben sollten, wäre es dann nicht zwingend, dass wir uns um jeden Preis der Erhaltung unserer Art widmen müssten? Dass man dann auf den Gedanken kommen wird, die Freiheit einer noch fruchtbaren Frau dem größeren Gut zu opfern? Wie in allen Dystopien von Margaret Atwood ist der Angelpunkt der Handlung auch hier die Umweltzerstörung (und eben nicht die Unterdrückung der Frauen). Wenn der Lebensraum knapp wird, ist der Rückfall in alle denkbaren Totalitarismen nur folgerichtig.

Zu den unbehaglichen, zugleich besonders witzigen Passagen – und die leichthändige Verbindung dieser beiden weit auseinanderliegenden Empfindungen ist ein weiterer Beweis für die Meisterschaft der Autorin – gehören die Rückblicke auf die uns gut bekannte, liberale Welt vor der Machtergreifung durch die gnadenlosen Puritaner. Es sind Schlaglichter auf die altbekannten Debatten des Feminismus. Drückt eine freizügige, den weiblichen Körper zur Schau stellende Mode einfach nur Selbstbewusstsein aus? Ist sie wirklich ein Ausweis von Freiheit oder doch immer auch ungewollte Unterwerfung unter ein sexistisches Frauenbild? Besteht die Generation von Junes Mutter aus verbiesterten Ideologinnen in Latzhosen – in Deutschland würden wir sie die Emma-Generation nennen? Oder haben vielmehr die jüngeren Frauen einen riskanten Schritt rückwärts getan, indem sie die Gleichberechtigung für durchgesetzt und deren alt gewordene Vorkämpferinnen für unangenehm gestrig hielten? Wie Nadelstiche werden uns diese Reizthemen an den Rändern der eigentlichen Handlung versetzt.

Die Stärke dieses Romans liegt jedenfalls bis zum Ende darin, sich nicht festzulegen, offen zu bleiben für Widerspruch und Interpretation. Das menschenzüchtende Regime ist widerlich und brutal – das ist schon klar. Dennoch bekommt man durchaus sogar Mitleid mit einigen seiner Repräsentanten, die die Unfreiheit des Systems, das sie an die Macht gebracht hat, ja selbst sehr schnell zu spüren kriegen.

Aber müsste die Gesellschaft davor nicht selbst ein paar Weichen für solch eine fundamentalistische Revolution gestellt haben? Das ist eine Frage, die wir uns heute definitiv drängender stellen als vor dreißig Jahren. Und das ist, neben einem US-Präsidenten, der damit prahlt, wo er Frauen gern anfasst, mit ein Grund, warum „The Handmaid’s Tale“, wie der Roman im Original heißt, in den USA gerade eine fast unwahrscheinliche Renaissance erlebt: Als Fernsehserie, jenem Genre, von dem ja manche meinen, dass es den breitenwirksamen Groß-Roman, den Fortsetzungsroman der vorigen Jahrhundertwende abgelöst hat. Gerade hat die Serie fünf Emmys gewonnen. Was kann man sich als Schriftstellerin mehr wünschen, als dass ein „altes Werk“ Jahrzehnte später aktueller und erfolgreicher ist denn je? Vielleicht nur, dass der Weltenlauf nicht den eigenen Angstvisionen zu folgen schiene.

Wir haben wie gesagt zu wenig Zeit, um die Reichtümer von Margaret Atwoods Werk auch nur annähernd abzuschreiten. Deshalb wollte ich einen Schwerpunkt auf die bei ihr so geglückte Verbindung von Literatur und gesellschaftspolitischer Analyse legen, wie es der nur an Jahren alte Roman „Der Report der Magd“ so eindrucksvoll vorführt. Wenn das gelingt, wenn also politisches, gesellschaftspolitisches Bewusstsein in die Erzählkunst einfließt, dann wachsen die beiden gemeinsam weit über ihre jeweiligen Kreise hinaus.

Politische Erkenntnis kann man aber über der Erzählkunst nicht verteilen wie mit dem Rasensprenger. Es ist geradezu umgekehrt: Eine Autorin wie Margaret Atwood ist in erster Linie eine Geschichtenerzählerin. Ihr Sensorium für die menschliche Natur und ihren politischen Verstand benutzt sie jedoch als das Grundwasser, von dem sie diese Geschichten nährt. Das lässt sich an manchen, scheinbar kleinen Erzählungen ebenso gut zeigen wie an den großen Zukunftsromanen, etwa der MaddAddam-Trilogie, die in einer Zeit spielt, in der sich die Menschheit durch hemmungslose Genmanipulationen an Menschen, Tieren und Pflanzen so gut wie ausgerottet hat.

Dabei kommt ihr eine zweite Fähigkeit gelegen, die für gute Schriftsteller ebenso unentbehrlich ist wie der scharfe Blick für die wichtigen Details: nämlich fast das Gegenteil davon, ein Talent zum Hochrechnen, eine Weitsicht, mit der sich die ganz große Linie ziehen läßt. Wo Margaret Atwood einen unruhigen Wassertropfen sieht, kann sie voraussehen und vorauserzählen bis zur Sturmflut.

Weniger mathematisch könnte man das auch einfach Phantasie nennen, eine in alle Richtungen blühende und rankende Phantasie. Sie ist das unentbehrliche Organ dieser Schriftstellerin, mit dem alles verarbeitet, verdaut, überformt wird. So natürlich auch Autobiographisches.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, über einen relativ kurzen Zeitraum viele Bücher von ein und derselben Autorin zu lesen. Zusammenhänge, Variationen von Motiven und autobiographische Myzele treiben noch deutlicher hervor. Die wilde und rauhe Natur Kanadas ist solch ein Motiv, aber in Margaret Atwoods Büchern ist diese Natur zwar potenziell tödlich, aber niemals feindlich – eine feindliche Absicht können nur Menschen haben. Für den, der ihre Gefahren kennt und respektiert, kann diese Natur im Gegenteil zum mächtigen Beschützer werden, wie in ihrem poetisch-ergreifenden, frühe Roman „Der lange Traum“: Ein Mädchen, das wie die Biologen-Tochter Margaret Atwood in diesen Wäldern, an den Seen aufgewachsen ist, gräbt sich in einer Lebenskrise buchstäblich in der Erde ein, um zurück in ihren Schoß zu kriechen.

Andere Figuren treten in Margaret Atwoods Büchern immer wieder auf, so ein älterer Bruder, der ein bewundertes, aber emotional nicht erreichbares naturwissenschaftliches Genie ist, oder eine patente Mutter, die am Ende ihres Lebens nichts mehr sieht und nur noch auf einem Ohr ein wenig hört. In dieses verbliebene Ohr müssen ihre Kinder hineinrufen wie in einen langen Tunnel, ohne zu wissen, ob die Nachrichten noch ankommen. Eine wiederkehrende Figur ist außerdem der Typus des osteuropäischen Flüchtlings. Charmant und den Frauen zugeneigt, ist er den fernen Kriegswirren knapp entkommen und verbirgt sorgfältig seine Traumatisierung vor der ahnungslosen kanadischen Gesellschaft. Das schillerndste Exemplar davon spielt die Hauptrolle in einer meiner Lieblingserzählungen von Margaret Atwood, die auf Deutsch „Tipps für die Wildnis“ heißt. Es ist fast ungehörig, welches Kunststück sie hier auf gerade dreißig Seiten vollbringt: die komplizierten Beziehungen dreier Schwestern untereinander und zu eben jenem fremdartigen Herzensbrecher und Schlitzohr, diesmal aus Ungarn gebürtig, der zwar die jüngste Schwester, die reine, naive Schönheit geheiratet hat, aber seit Jahrzehnten aus reiner Gewohnheit auch mit der mittleren, der frechen, lebenslustigen schläft. Die Geschichte spielt an einem Vormittag, in maximal zwei Stunden, gleichzeitig werden vergangene Jahrzehnte mit magischer Hand miterzählt. Und das alles in einem herrlich blasierten, vor Ironie knisternden Ton, der einen so gut unterhält, dass er die moralische Entrüstung abmildert über die Ungeheuerlichkeit, die unser George – er hieß anders, aber das hätte niemand aussprechen können – auf den letzten Seiten begeht.

Und es gibt noch ein wiederkehrendes Thema, nicht im Vordergrund, aber auch nicht gerade versteckt. Die Frau als kreatives Wesen – das wird in vielen Büchern Margaret Atwoods angespielt. Seien es Malerinnen, Dichterinnen, Lektorinnen oder Illustratorinnen – all ihre Frauenfiguren haben selbst keine hohe Meinung von ihren freiberuflichen Tätigkeiten, sogar wenn sich damit Geld verdienen lässt. Dabei kämpfen sie nicht nur mit dem eigenen kritischen Blick, sondern sind ständig dabei, ihre Erfolge vor den Männern herunterzuspielen. Im Roman „Katzenauge“ führt das zu köstlichen Szenen, wenn die Hauptfigur, eine erfolgreiche Malerin, Jahrzehnte nach der Scheidung vorübergehend im Atelier ihres Ex-Mannes logieren darf. Er, der sich früher als kompromissloses Genie gebärdet hat, fertigt nun für Horrorfilme Körperteile aus Gips an. Damals, in ihrer gemeinsamen Jugend, hatte er nicht verhehlt, dass er ihre Kunst für belanglos hielt. Das stellte sie vor die Frage, ob sie weitermachen sollte.

ZITAT: „Darin liegt Freiheit: Weil das, was ich mache, belanglos ist, kann ich machen, was ich will.“ Und nun wohnt sie, in den Tagen vor der Vernissage ihrer eigenen großen Retrospektive, zwischen seinen halben Köpfen und abgerissenen Armen.

Auf die satirische Spitze getrieben hat Margaret Atwood diese Konstellation nun in ihrem jüngsten Erzählungsband, „Die steinerne Matratze“. Die drei ersten Erzählungen sind zu einer Art Triptychon verwoben: Wir lernen Constance kennen, eine wunderliche alte Frau, die, wenn sie nicht weiter weiß, von ihrem Ehemann aus dem Jenseits Anweisungen erhält. Am liebsten flüchtet sie sich an ihren Computer, in eine Datei namens Alphinland – erst langsam begreift der Leser, dass die konfuse Constance eine Berühmtheit ist, Schöpferin einer weltweit bekannten Fantasy-Serie, die inzwischen auch als Film und als Computerspiel vermarktet wird. Die zweite Erzählung handelt von ihrer Jugendliebe Gavin, einem preisgekrönten Lyriker, dessen Ruhm sich jedoch vor allem auf die ziemlich expliziten Liebesgedichte gründet, die er damals, ein kanadischer Möchtegern-Ovid, an „meine Holde“ geschrieben hat – der nom de plume der jungen Constance. Alt und krank, hat er inzwischen sogar von den Frauen genug, auch von seiner um 30 Jahre jüngeren dritten Ehefrau, die ihm schon wieder so eine devote Doktorandin anschleppt. Umso fassungsloser ist er, als sich die junge Dame gar nicht für seine Sonette, sondern für den Fantasyschrott seiner ersten Freundin Constance interessiert, der er in selbstmitleidigen Momenten als seiner einzigen Liebe und Muse hinterherweint. Margaret Atwoods dramaturgisches Talent ist im Geflecht dieser drei Erzählungen wieder in aller Pracht zu besichtigen. Die kompositorische Kunstfertigkeit wird dabei verblüffend kontrastiert durch den derben Humor, mit dem sie die Schrecken des Alterns bis in peinlichste Details ausbreitet. Aber am komischsten bleibt doch der versteckte Verweis auf das eigene Lebenswerk: Frauen, die schreiben – das sind und bleiben schrullige Gestalten, denen das Talent, sich wie die Männer zu stilisieren, schreiend abgeht. Zumindest in diesem sarkastischen Triptychon muss sich der aufgeblasene Mann seine Selbstinszenierung am Ende doch eingestehen, wenn es nämlich ans Sterben geht.

Ist hier also wirklich ein selbstironischer Kommentar versteckt, oder handelt es sich bloß um eine sehr unterhaltsame Geschichte? Wie überall in Margaret Atwoods Werk steckt beides darin. Ihre Erzählungen sind realistisch, wahrhaftig, und immer ein wenig beispielhaft. Vor allem zeigen sie die anderen Möglichkeiten auf. Möglichkeiten liegen ja überall und in allem. Indem wir leben, treffen wir ständig Entscheidungen, die Möglichkeiten vernichten, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nur im Schreiben kann man sie wieder lebendig machen, die Varianten ans Licht holen, lachen und weinen darüber, was alles möglich gewesen wäre. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für diese großartige Schriftstellerin, für diese boshaft kichernde weise Frau – das war eine Möglichkeit. Nun ist er hochverdiente Wirklichkeit.