Grußwort Heinrich Riethmüller

Neben dem Frankfurter Oberbürgermeister begrüßt traditionell der Vorsteher des Börsenvereins die Gäste in der Paulskirche. In diesem Jahr ist es Heinrich Riethmüller, der seit 2012 Vorsteher ist. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Vor ziemlich genau 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verkündet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben sich Staaten aus allenKontinenten auf ein Dokument geeinigt, mit dem – losgelöst von Nationalität und Volkszugehörigkeit – dem einzelnen Menschen individuelle Rechte zugestanden werden.

Die Erklärung der Menschenrechte liest sich wie eine Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse und Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, auf die Gräueltaten, die vor allem im Namen des deutschen Volkes geschehen sind. Viele, wenn nicht gar alle der hier aufgeführten und für uns heute so selbstverständlichen Rechte wurden in jener Zeit missachtet – und sie werden es in vielen Teilen der Welt immer noch.

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Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

In der Menschenrechts-Charta treffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Denn wenn sich die Völker dieser Welt nicht immer wieder an ihre Vergangenheit erinnerten, um aus ihr zu lernen, könnten zukünftige Generationen dieselben Fehler noch einmal begehen. Für das friedliche Zusammenleben von Menschen ist eine Erinnerungskultur, die sich in einem kollektiven Gedächtnis manifestiert, von fundamentaler Bedeutung.

Auch und gerade der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist Teil dieser aufgeklärten Erinnerungskultur. Alle Preisträgerinnen und Preisträger, von Max Tau bis zu den beiden heute zu Ehrenden, Aleida und Jan Assmann, führen uns vor Augen, wie wichtig die Erinnerung und das Wachhalten von Geschichte sind.

Immer wieder steht diese Erinnerungskultur aber auch in der Kritik. Ist sie nur rückwärtsgewandt und verliert sie sich nur im pathetischen Innehalten, ritualisiert sie reflexhaft nur das Gedenken an die Vergangenheit ohne Bezug zur Gegenwart, läuft sie Gefahr, angreifbar zu werden und ihre Wirkung zu verlieren. Eine wirksame Erinnerungskultur schließt immer die Zukunft mit ein und warnt die Lebenden vor Wiederholungen der Geschichte.

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Artikel 18: Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit.

Von besonderer Eindringlichkeit und Überzeugungskraft ist das Erinnern, wenn es durch Zeitzeugen geschieht. Unvergessen ist die Friedenspreisrede von Saul Friedländer hier in der Paulskirche. Der Friedenspreisträger von 2007 wendet sich gegen den Ritualisierungsvorwurf des Erinnerns, wenn er sagt (und ich zitiere aus seiner Rede): »Wenn wir diesen Schreien (der Opfer) lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun […] Vielmehr erschüttern uns diese individuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten […] Vor allem jedoch bewegen uns die Stimmen der Menschen, denen die Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer völligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung.«

Und Fritz Stern, der große Historiker und Friedenspreisträger von 1999, warnte in seiner Paulskirchen-Rede: »Mit Recht gibt es Mahnungen gegen das Vergessen, diese Stimmen aber beschwören keine Schuld für die heutige Generation. Gefordert wird Verantwortung, verstärkt um das Wissen um Fehler und Verbrechen in der Vergangenheit. Wir können aus der Vergangenheit lernen, auch dass der Gang der Geschichte offen ist, dass er von Menschen gestaltet wird. Der Glaube an historische Zwangsläufigkeit ist ein gefährlicher Irrtum. Er verführt zur Passivität.«

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Artikel 21: Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.

Schweigen und Passivität, Fatalismus und bloßes Zuschauen sind die eigentlichen Feinde der Demokratie, denn sie lebt vom Mitmachen und Einmischen, von der aktiven Teilhabe und auch dem Mut, seine Meinung zu sagen und anderen Meinungen mit Respekt zu begegnen. Die Friedenspreisträger waren und sind aber auch Mahnende: sich der eigenen Geschichte stets bewusst zu sein und aus ihr zu lernen.

Lernen heißt aber nicht nur Aufnehmen und Begreifen, sondern vielmehr Handeln. Und gerade in einer Zeit wie der unseren, die wieder von Rassismus, Antisemitismus und Populismus geprägt wird, sind Solidarität, Mitmenschlichkeit und Anteilnahme Tugenden, die nicht altmodisch daherkommen, und sie sind auch keine Attribute von sogenannten Gutmenschen. Sie sind vielmehr Haltungen, die eine Zivilgesellschaft ausmachen, die sich gegen den wachsenden Egoismus und weltabgewandten Individualismus wenden.

Gerade wir alle, die wir uns jedes Jahr hier treffen, um intellektuelle Impulse für unser eigenes Weltbild zu bekommen, müssen uns wieder stärker als bisher artikulieren und äußern. Kofi Annan, der erst vor kurzem verstorbene Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat recht, wenn er sagt: »Alles, was das Böse braucht, um zu siegen, ist das Schweigen der Mehrheit.«

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Artikel 19: Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung.

Soeben ist die Neuauflage eines kleinen Buchs von Aleida Assmann erschienen. Unter dem Titel »Menschenrechte und Menschenpflichten« beschreibt sie darin die sogenannten Menschenpflichten, die als eine Art gesellschaftliche Übereinkunft zum Grundbestand der Kulturen gehören. In diesem Sinne stellen sie eine notwendige Ergänzung zu den Menschenrechten dar. Wenn wir diese tief in uns verankerten Menschenpflichten wieder zur Grundlage unseres Handelns machen, können sie uns dabei helfen, die Spaltung unserer Gesellschaft zu überwinden und beispielsweise die Probleme der Einwanderung und Migration zu bewältigen – mit Empathie und Respekt, also mit Tugenden, die in fast allen Kulturen eingeübt wurden und die die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander bilden.

Ich wünsche mir, dass wir uns dieser Erkenntnis immer wieder aufs Neue entsinnen, dass wir die Stimmen der Vergangenheit in Erinnerung behalten und den ehrlichen Umgang mit unserer Geschichte wachhalten.

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Artikel 27: Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.

Die heutigen Preisträger sind Wegbereiter einer klugen und aufgeklärten Erinnerungskultur. Ihre Arbeiten und Forschungen sind Grundlagen dafür, wie eine moderne Gesellschaft aus der Vergangenheit lernen kann, um in Frieden und Freiheit leben zu können. Und für uns – für die Buchhandlungen und Verlage – ist die Vermittlung dieser Werte unsere ganz besondere Menschenpflicht. Der Börsenverein gratuliert dem Ehepaar Aleida und Jan Assmann sehr herzlich zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.