Grußwort Heinrich Riethmüller

Neben dem Frankfurter Oberbürgermeister begrüßt traditionell der Vorsteher des Börsenvereins die Gäste in der Paulskirche. In diesem Jahr ist es Heinrich Riethmüller, der seit 2012 Vorsteher ist.


Meine Liebe, es ist Zeit, aufzustehen.

Die Brücke in Richtung Abgrund stürzt ein.

Wenn du platzt, beiß dich fest an meinem Willen.

Zweifel beginnt mit dem Stein des Sisyphos.

Glaube fängt an mit dem Hausschlüssel, den du verloren hast.

All meine Panik und meinen Hass

geb ich dir, dir allein.

So kann ich noch einmal,

ganz kostbar,

meinen Kopf hoch halten

bis zur dunkelsten Stunde.

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels heute zu verleihen, ohne an den chinesischen Schriftsteller und Dichter Liu Xiaobo zu erinnern, wäre nicht angemessen. Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger von 2010, starb am 13. Juli diesen Jahres nach elf Jahren Gefängnis und Isolationshaft. Er war nicht nur der prominenteste Kritiker Chinas, sondern auch einer der einflussreichsten Dichter und Denker seines Landes.

In ihm und seinem Werk vereinigt sich vieles, was uns wichtig ist und was wir so bewundern. Auf der einen Seite Tugenden wie Mut und Unbeugsamkeit, auf der anderen Seite poetische Kraft, Sprachgewalt und analytische Schärfe. Die Essays und Gedichte von Liu Xiaobo gehören mit zum Eindringlichsten, was die Literatur in China zu bieten hat.

Gerade an seinem Fall lässt sich erkennen, wie unmenschlich, selbstherrlich, aber auch wie verängstigt Regime und Diktaturen reagieren, wenn sie sich durch Kritik herausgefordert sehen. Und Poesie scheint für sie manchmal gefährlicher zu sein als offener Widerstand.

Margaret Atwood, die wir heute ehren, hat sich mit vielen anderen Intellektuellen für die Freilassung von Liu Xiaobo eingesetzt. Auch sie ist eine Mahnerin für Frieden und Freiheit, auch sie setzt sich in ihrem Werk für die Werte einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft ein. Sie engagiert sich im Umweltschutz und warnt entschieden vor dem Untergang der Zivilisation.

Bereits 1984, das Jahr, das wir alle mit dem Zukunftsroman von George Orwell verbinden, schrieb sie – in der Zeit des Kalten Krieges und teilweise in West-Berlin lebend – ihren Roman »Der Report der Magd«. Diese dystopische und düstere Geschichte prägte eine ganze Generation und wurde zu einem internationalen Bestseller. Atwood beschreibt darin eine kalte, totalitäre Gesellschaft, in der religiöse Fundamentalisten die Macht übernommen haben, in der Frauen entmündigt und als Gebärmaschinen missbraucht und Menschen vollkommen überwacht werden. »Der Report der Magd« ist ein Plädoyer für Demokratie und Frauenrechte, gegen Rassismus und Entmündigung.

Als wir vor wenigen Wochen Margret Atwood in Kanada besuchten, um den heutigen Tag zu besprechen, kamen wir schnell auf die außergewöhnliche politische Entwicklung in den USA zu sprechen. Mit einem Seufzer sagte sie, »Ich bin wohl der einzige Mensch auf dieser Welt, der von Donald Trump profitiert«. Sie meinte damit ihren überraschenden und plötzlichen großen Erfolg ihrer schon vor langer Zeit geschriebenen Romane, die in vielen Ländern eine Renaissance erfahren und auf einmal eine beängstigende Aktualität besitzen. Offenbar fühlen sich viele Leser von den Visionen Atwoods angezogen, sehen Parallelen zu unseren Gesellschaftsordnungen und suchen in ihnen Ähnlichkeiten zu heutigen Machtstrukturen und Machthabern.

Dass in Zeiten der Bedrohung, in Zeiten von Zukunftsangst und Unsicherheit, Menschen in der Literatur Rat und vielleicht auch Antworten auf drängende Fragen suchen, ist ein erstaunliches Phänomen. Wenn wir spüren, dass die Welt aus dem Lot zu geraten scheint, dass Vertrautes bedroht wird, greifen wir zu Büchern und hoffen, hier Bestätigung, neue Erkenntnisse und Trost zu finden. Bücher sind Fluchtpunkte, Bojen in Zeiten der Verunsicherung. Sie dienen der Überprüfung eigener Standpunkte. Sie komprimieren und speichern das Wissen und die Erfahrungen der Denker und Dichter, die die Welt beschreiben, wie sie ist oder wie sie sein könnte, oft in der Hoffnung, damit etwas bei ihren Lesern zu bewirken.

Angesichts der Gräueltaten des Naziregimes und der Tatenlosigkeit, wenn nicht sogar Anbiederung, der Buchbranche haben Verleger und Buchhändler 1950 den Friedenspreis ins Leben gerufen. Dies geschah in der Überzeugung, dass der Buchhandel künftig eine besondere Verantwortung bei der Vermittlung von Frieden und Freiheit tragen sollte.

Seit der ersten Verleihung legen die gewählten Preisträgerinnen und Preisträger mit ihren Reden Zeugnis ab von einer Welt, die nie vollkommen war. Sie prangern Unrecht und Unterdrückung, Hass und Krieg an. Sie rufen uns immer wieder in Erinnerung, dass uns allen, die wir das Privileg haben, in sicheren Verhältnissen zu leben, die Verpflichtung zukommt, uns für eine friedliche, ökologische, vielfältige und gerechte Welt einzusetzen.

Mit ihren Gedichten schärft Margaret Atwood unseren Blick für das Leben in all seinen Facetten, für seine Ungewissheiten, seine Widersprüche, seine Schönheiten. Sie öffnet uns mit ihren Romanen aber auch die Augen dafür, wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen. Für dieses wache Bewusstsein, dem Kern ihrer Literatur und Poesie, wollen wir sie heute auszeichnen und somit dem Satz von Liu Xiaobo Folge leisten: »Das Schöne am geschriebenen Wort ist, dass es wie ein Licht der Wahrheit im Dunkeln leuchtet.«